Der Schatten über dem FC St. Pauli

Mitglieder diskutieren über Wilhelm Koch

Wenn die Vorwürfe stimmen, muß man den

Namen des Stadions ändern." Um die Zukunft des FC St. Pauli geht es heute (19 Uhr, CCH) bei der Mitgliederversammlung. Präsidentenkür, Finanzbericht, Stadionpläne - da bleibt nichts ungesagt. Die eigene Geschichte und der Umgang mit ihr sind ebensowenig tabu. Dafür sorgt der Antrag von FC-Mitglied Ronny GaTczynski (39). Er möchte das Wühelm-Koch-Stadion umbenennen, weil der ehemalige Klubpräsident Koch (von Sven Brux, Fanbeauftragter des FC St. Pauli Wilhelm Koch war ein einfacher

hanseatischer Kaufmann." Ernst Schacht über seinen Vorgänger 1931 bis 1945 und von 1947 bis 1969) seinen Erfolg als Unternehmer dem Nazi-Regime verdanke. Das hatte Autor Rene Martens in seiner jüngst veröffentlichten Klubgeschichte geschrieben (das Abendblatt berichtete).

Martens hat im Staatsarchiv und im Handelsregister recherchiert und herausgefunden, daß Kochs Firma Koch & Scharff (Import von Häuten und Fellen) bis 1933 zwei jüdischen Mitbürgern gehört hatte, die vor den Nationalsozialisten flohen. Ob und wie Koch und sein Kompagnon tatsächlich die Übernahme beeinflußt haben, ist nicht nachvollziehbar. "Dar- über gibt es kein Dokument", räumt Martens ein. Der Vereinspräsident Koch wurde 1937 NSDAP-Mitglied und nach dem Zweiten Weltkrieg von der Militärregierung als "Mitläufer" eingestuft.

Daß Koch trotz Parteimitgliedschaft "kein Nazi, sondern einfacher hanseatischer Kaufmann" war, betont sein Nachfolger Ernst Schacht (65). "Er war glühender St. Paulianer." Im Arbeiterverein St. Pauli "mit vielen Sozialdemokraten und Kommunisten" habe Nazi-Gedankengut keine Rolle gespielt.

Nach Koch, der mit 69 Jahren einem Herzschlag erlag, wurde im März 1970 das Stadion in ..Wilhelm-Koch-Stadion am Millerntor" umbenannt, gleichzeitig wählten die Mitglieder Schacht zum Präsidenten. Der Bankier, der heute in Wiesbaden lebt, hatte die Umbenennung empfohlen. Damit habe er die 300 000-

Mark-Forderung der drei Koch-Töchter an den Verein halbiert, schreibt Martens und zitiert Schacht. Der sagt: "Die Erben haben sich gar nicht für den Stadionnamen interessiert. 20 St. Pauhaner haben je rund 2000 Mark zur Schuldentilgung gegeben."

Im Verein und bei den Fans wird "heiß diskutiert", sagt der Fanbeauftragte Sven Brux. "Wenn die Vorwürfe stimmen, muß man den Namen ändern." Er macht dem aktuellen Präsidium keinen Vorwurf. "Der FC St. Pauli ist bei der Bekämpfung von Rechtsradikalismus im Fußball Vorbild in ganz Europa."

CHRISTOPH RYBARCZYK

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