Ein Prachtstück, das keiner will

Die Bundesregierung möchte ihr nobles "Gästehaus Petersberg" verkaufen. Seit einem Jahr sucht eine Hamburger Bank einen Käufer für die Anlage, deren Sanierung mehr als 160 Millionen Mark gekostet hat.

Auf dem Petersberg werden Träume wahr: Einmal an den Tischen dinieren, an denen einst der kanadische Premierminister Brian Mulroney nebst Gattin Lydia speiste? Oder in jenem Bett schlafen, in dem schon der Schah von Persien sein gekröntes Haupt zur Ruhe bettete? Oder mal auf dem stillen Örtchen sitzen, auf dem die Queen thronte? Alles möglich. Denn die Bundesregierung möchte ihr nobles "Gästehaus Petersberg" verkaufen.

Zahlungskräftige Gäste könnten dann uneingeschränkt in den Genuß jenes Luxus kommen, der bisher meist noch den Großen der Welt vorbehalten war. Und der viele beeindruckt hat. Zum Beispiel Nikolaj Gubenko. Der damalige Kulturminister der UdSSR hat seine Begeisterung im Gästebuch der Nobelherberge verewigt: "Herrlich ist dieser Ort, von Gott geschaffen, aber noch schöner ist, was Menschen daraus gemacht haben".

Im September vorigen Jahres bekam das Hambur- §er Bankhaus Warburg vom >onner Auswärtigen Amt den Auftrag, einen Käufer für das "Gästehaus Petersberg" auf dem gleichnamigen, 131 Meter hohen Berg im Siebengebirge zu finden. Mehr als 30 solvente Investoren wurden angesprochen. Doch ein Jahr danach steht fest: Die Staatsherberge erweist sich als Ladenhüter. Sie ist unverkäuflich, zumindest zu den Preisvorstellungen von Finanzminister Theo Waigel.

Egon Heider, Geschäftsführer der bundeseigenen "Gästehaus Petersberg GmbH", hatte es schon vor einem Jahr geahnt: ?Das Brandenburger Tor wäre wohl eher zu privatisieren, denn daran könnte man eine Leuchtreklame anbringen. Dann würde sich das Tohnen.

Waigel will dem Vernehmen nach mindestens 162 Millionen Mark erlösen, die Grundstück, Modernisierung und Einrichtung bis

1990 verschlungen haben, möglichst aber auch die Betriebskostenzuschüsse, die seither angefallen sind. Und dann ist man schon bei 200 Millionen Mark angelangt.

Was die Investoren abschreckt, weiß Hotelfachmann Heider: "Wer das Gästehaus kauft, muß damit zugleich 110 Hektar Wald, 2500 Meter Straße, Prozessionswege, 30 Wegekreuze und die Barockkapelle auf dem Gipfel übenenmen und in Topzustand erhalten." Jährliche Kosten: mindestens eine halbe Million Mark - eine Summe, die offenbar nicht einmal aufgewogen wird durch die päpstlich verbriefte Zusicherung der "Vergebung aller Sünden" für die Eigner der Kapelle.

In Bonn freut man sich jetzt insgeheim, daß der Bund auf der Immobilie sitzenbleibt. Denn Politiker aller Parteien hatten den Erhalt als Regierungsgästehaus verlangt: Nach dem Berlin-Umzug der Regierung sei der Bau als Tagungsstätte für die Wissenschaftsregion Bonn und die zur Ansiedlung anstehenden internationalen Institutionen verwendbar. Auch als geschichtsträchtigen Ort könne der Bund den Berg nicht einfach verhökern.

Tatsächlich ist er ein Symbol für die bewegten Tage deutscher Geschichte. Beispielsweise hat sich dort der britische Premierminister Arthur Nevüle Chamberlain auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise im September 1938 auf die ergebmslos verlaufenden Verhandlungen mit Adolf Hitler im Godesberger Hotel "Dreesen" vorbereitet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Petersberg Sitz der Alliierten Hochkommisare, die von da aus das besiegte Deutschland regierten. Konrad Adenauer war damals Dauergast bei ihnen. Am 22. November 1949 wurde das "Petersberger Abkommen" unterzeichnet. Es erlaubte der Bundesrepublik unter anderem die Aufnahme konsularischer Beziehungen und müderte die Demontagebestimmungen. Im Gegenzug verpflichtete sich die Bundesregierung, dem Abkommen über die internationale Ruhrkontrolle beizutreten.

Im Mai 1952 war der Petersberg ein weiteres Mal Forum für ein bedeutendes historisches Ereignis: Mit der Unterzeichnung des Deutschlandvertrages wurde das Besatzungsstatut abgelöst und der Bundesrepublik die Souveränität zugestanden.

Die Geschichte des "Petersbergs" als Gästehaus befann 1955. Die ersten, die ort logierten, waren Schah Mohammad Reza Pahlevi und Kaiserin Soraya. Standesgemäß bewohnten sie dort 30 Zimmer. Das englische Königspaar, Elisabeth II. und Prinz Philip, hielt zehn Jahre später auf dem "Petersberg" nof . Sie reisten an mit sechs Tonnen königlichem Tafelsilber und Londoner Trinkwasser, das die Queen von der Royal Air Force hatte einfliegen lassen.

Als das Hotel wegen Komfortmängel geschlossen wurde, übernahm Schloß Gymnich die Rolle als Staatsherberge. 1979 verkaufte die 4711-Dynastie des Duftwasserkönigs Ferdinand Muelhens den Petersberg für 18,5 Millionen Mark an den Bund. Der sanierte ihn von Grund auf. Weil die Kosten in die Höhe schössen, erklärte der Bund der Steuerzahler den Petersberg zum "Symbol für Steuergeldverschwendung". Dabei zeichnete sich schon bei der Einweihung im Juni 1990 ab, daß in Bonn eines Tages kein Gästehaus mehr benötigt wird.

So dubios die Zukunft als Quartier für Staatsgäste sein mag, so erfolgreich wurde der Petersberg indessen bei den Bürgern. Sogar der Bund der Steuerzahler sparte nicht mit Lob für das erfolgreiche Unternehmen. Anfangs mußte der Bund im Jahr 4,8 Millionen Mark zuschießen, jetzt sind es nur noch drei Millionen. Das Gästehaus erzielt mittlerweile 85 Prozent seines Jahresumsatzes von zwölf Millionen

mit Normalbürgem.

"Fast alle Hotels beklagen eine schrumpfendes Geschäft. Wir nicht", sagt Egon Heider. Das Haus habe sich zu einer "allerersten Adresse" für Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Jubiläen und Fimen-Präsentationen entwickelt. Michael Schumacher heiratete in der Kapelle seine Corinna, im September gibt dort die Tochter der früheren Eigentümerfamilie Muelhens ihr Jawort.

Jährlich strömen mehr als 250 000 Besucher auf den Berg. Sie wollen einmal in der Staatsherberge übernachten (Doppelzimmer ab 320, Suite ab 750 Mark) oder wenigstens dort essen (das preiswerteste Drei-Gänge- Menü kostet 48 Mark). An Sonnentagen fahren bis zu 200 Autos auf den Gipfel (Parkplatz fünf Mark, Aussicht auf den Rhein gratis).

An jedem ersten Sonnabend im Monat zelebriert der "Petersberg" einen formvollendeten "High Tea": "Wie im Londoner Savoy." Egon Heider ist überzeugt: "Wenn die Entwicklung so weitergeht, und wenn wir weniger Einschränkungen durch Staatsgäste hätten, könnten wir in sechs bis sieben Jahren ohne Bundeszuschuß schwarze Zahlen schreiben."

Momentan wird der Berg für Staatsgäste teilweise, bei Sicherheitsstufe I sogar ganz gesperrt. Und die Präsidenten-Suite (240 Quadratmeter, drei Toiletten, ein Riesentresor für große Kronjuwelen) bleibt ausschließlich Staatsgästen vorbehalten.

Ein neues Gästehaus will das Auswärtige Amt in Berlin nicht kaufen. Das wird jedenfalls derzeit immer wieder betont: "In der Hauptstadt gibt es genug Hotels", so die Erklärung.

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