Serbiens Präsident Slobodan Milosevic - Herrscher, aber auch Verlierer

Europas letzter Dinosaurier

Er ist ein Mann von au- ßerordentücher Kälte. Ich habe noch nie ertetft, daß menschliches Leiden ihn bewegt hätte." Fröstelnd erinnert sich der amerikanische Diplomat Warren Zimmermann an seine Begegnungen mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Müosevic. Gefühlsarmut, Mißtrauen und Einsamkeit in der Macht kennzeichnen das Profil jenes Mannes, der die Republlk seit 1989 führt.

Ein anderer westlicher Diplomat begleitete MUosevic fasziniert auf langen nächtlichen Rundgängen durch die ausgestorbenen Flure des Präsidentensitzes in Belgrad. Der Staatschef herrschte in jenen Stunden

Von THOMAS FRANKENFELD

buchstäbüch mutterseelenallein. "Es war, als ob es in ganz Serbien niemanden außer üim gäbe", berichtet der Diplomat.

Nur semer Frau Mirjana Markovic, einer Marxismus-Professorin, die seme Visionen von einem mächtigen Großserbien teüt, vertraut der 55jährige. "Mira", die "Rote Hexe", wie sie in Belgrad hinter vorgehaltener Hand gerufen wird, hat größten Einfluß nicht nur in Serbien, sondern vor allem auf ihren Mann. Ihre enge Beziehung entstand 1958 in Müosevics Geburtsort Pozarevac, einem unansehnüchen Provinznest. Beide waren Außenseiter in ihrer Schule. Mirjana stammte aus der flüchtigen Verbindung zweier Partisanen; ihre Mutter fiel schon kurz nach der Geburt.

Milosevic wiederum durchütt als junger Mensch traumatische Erlebnisse, die seinen Charakter entscheidend prägten. Als der Junge sieben Jahre alt war, schoß sich sein geüebter Onkel eme Kugel in den Kopf. Sein Vater, ein orthodoxer Priester, beging auf die gleiche Weise Selbstmord, als Slobodan 21 Jahre alt war. Und 12 Jahre nach dieser Tragödie erhängte sich seine Mutter im Wohnzimmer der Famüie an emem Lampenhaken.

Beobachter befürchten, daß der Hang zur Selbstzerstörung eine Erblast in der Psyche des Präsidenten sein könnte. Im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in Serbien und der bemerkenswerten Konzeptionslosigkeit seiner Politik wird bereits die Frage gestellt, ob Milosevic angesichts dieses DUemmas unbewußt das ganze Land mit hi den Untergang reißen wül.

Die Machtstrukturen in Serbien, die das Ehepaar MUosevic aufgebaut hat, ähneln in mancher Hinsicht beunruhigend jenen in Rumänien zu Zeiten des Diktators Nicolae Ceausescu und seiner Frau Elena oder jenen in Irak unter Saddam Hussein.

Viele hochrangige Vertreter des Staatsapparates - wie der Kommandeur der Luftwaffe, der Direktor der Fluggeseüschaft JAT, der Vorsitzende des Obersten Gerichtes sowie mehrere Minister - stammen aus Pozarevac. MUosevic vertraut vor allem Menschen aus Pozarevac.

Der eigenen Armee, deren Führung sich in den vergangenen Tagen sehr kritisch über seine Polltik äußerte, hat der Präsident nie über den Weg getraut; für den Fall eines Ausnahmezustandes hat er daher seine Poüzeikräfte, die ihm stets treu gedient haben, zu einer gleichstarken Truppe mit umfassenden Vollmachten aufgerüstet - eine beängstigende Konsteüation.

Falls Milosevic fällt, stürzt mit ihm eine reiche Günstlings-

cüque, die zeckenartig auf der Gesellschaft sitzt und Serbiens Devisenreserven verjubelt. Der 22jährige Sohn Marko hat weder einen Beruf gelernt noch Miütärdienst geleistet. Der Taugenichts fährt reihenweise Luxusautos zu Schrott, betreibt die größte Disco von Jugoslawien und gibt sich intensiv dem Nachtleben hin.

MUosevic sei polltisch so starrsinnig, weü er fest an die Unteübarkeit der Macht glaube, meint der Belgrader Kommentator Bratislav Grubacic.

"Europas letzten Dinosaurier" nannte der Londoner Observer den serbischen Despoten. Diese Kreaturen waren mächtig in ihrer Zeit - aber irgendwann starben sie bekanntlich aus.