Milosevics Machtkampf

Es wird eng

So langsam wird es eng für den serbischen Zwangsherrscher Slobodan Müosevic. Nach fast sechswöchigen Protesten der Opposition wanken nun auch die Säulen des Regimes. Nach der serbisch-orthodoxen Kirche, Teüen des Müitärs und den einst verläßüchen Verbündeten in Montenegro gehen jetzt auch die Koalitionspartner in der eigenen soziaüstischen Regierung auf Distanz.

Die Ratten verlassen das sinkende Staatsschiff. Es scheint, als bewiesen die Demonstranten in Belgrad am Ende den längeren Atem. Damit verbleibt MUosevic als letzter Büttel der Despotie aüein die ihm treu ergebene fast 80 000 Mann starke Polizeitruppe. AUes deutet darauf hin, daß Müosevic zur entscheidenden Schlacht rüstet, nachdem er sich bereits für den Einsatz von Gewalt entschieden hat. MUosevic kämpft um seinen Machterhalt. Dabei wird er von der Einsicht getrieben, daß er innenpoütisch mit dem Rücken zur Wand steht - und von der daraus resultierenden Verzweiflung, daß er nichts mehr zu verüeren hat.

Dabei hat der Westen Müosevic offenbar noch gar nicht abgeschrieben. Gewiß, die OSZE hat dem Vorwurf der Wahlfälschungen zu Lasten der Opposition das amtüche Bestätigungssiegel verpaßt, doch hat da in Bonn, Paris oder London irgend jemand den Rücktritt des serbischen Präsidenten gefordert?

Statt dessen haben aüe Empörung geheuchelt, wortreich die Anerkennung der Wahlergebnisse und die "Einhaltung" demokratischer Spielregeln gefordert, um die sich "Slobo", der 1987 durch einen internen Sturz an die Spitze der Regierungspartei kam, seit jeher einen Dreck geschert hat. Aber was wäre die Alternatie zu MUosevic ? Zoran Djindjic oder Vuk Draskovic, die nationaüstischen Anführer des bunt zusammengewürfelten Oppositionsbündnisses Zajedno, das außer einem vagen Bekenntnis zur Erneuerung über keinerlei poütisches Programm verfügt? Da setzt die Staatengemeinschaft dann doch lieber auf MUosevic, der ihr als Stabüitätsgarant gut und weiterhin dafür sorgt, daß die bosnischen Serben das Friedensabkommen von Dayton respektieren.

Europa muß sich damit dem Vorwurf stellen, die eigene freiheitliche demokratische Werteordnung zu verraten. Aber dies wird hingenommen, wohl auch, weü nach einem Rücktritt von Müosevic niemand umhinkönnte, dessen Aktenordner beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu öffnen. Für eine Anklage dürfte das Material aüemal reichen.

Und dann müßte der Westen eingestehen, daß er jahrelang mit dem größten Kriegstreiber auf dem Balkan paktiert hat - mit einem der schümmsten Verbrecher, der den Krieg zwar poütisch unversehrt überstand, den Frieden aber nicht bewältigte.