Erika Milee in Hamburg gestorben - Vor den Nazis geflohen, in Paraguay gefeiert

Sie war eine Königin des Tanzes

M.F. Hamburg - Nun werden wir doch nicht mehr ihre Memoiren zu lesen bekommen, die sie mimer hatte schreiben wollen. Wü werden sie nie mehr mit ihrem keck-eleganten Hütchen in der Hamburgischen Staatsoper zu den Ballett- Vorstellungen antreffen, mit Blumen in der Hand für ihre Tanzlieblinge. Wir werden von ihren Gesprächen nicht mehr inspiriert werden: Erika Müee ist tot. Gestern starb sie an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs ün Alter von 88 Jahren.

Sie war eme der Großen des deutschen modernen Tanzes. Sie hatte bei Rudolf von Laban und Gertrud Zimmermann das Tanzen gelernt, bevor sie 1928 ein eigenes Studio an der Rothenbaumchaussee eröffnete. Sie war eine Kapazität, die Hamburger

strömten zur Labanschen Bewegungslehre, die die Müee als seine Meisterschülerin vermittelte.

Mit Kurt Jooss arbeitete sie 1932 in Essen an dessen berühmtem Tanzstück "Der grüne Tisch". Dann hatten die Nazis ihre Gewaltherrschaft begonnen. Erika Müee, die Jüdin, die nie aus dieser Tatsache Kapital geschlagen hat, obwohl sie fast ihre ganze Famüie verloren hatte, durfte nur noch ün jüdischen Kulturbund-Theater, den heutigen Kammerspielen, ihre Soloabende geben. Sie durfte nur noch jüdische Kinder unterrichten, bevor es ihr 1939 gelang, über Portugal nach Paraguay zu fliehen, wo sie als ?Königin des Tanzes gefeiert wurde.

Diese Jahre waren ihre wük- Uch große Zeit. Als Erika Müee 1959 nach Hamburg zurückkehrte, um wieder ein eigenes Tanzstudio zu eröffnen, hatte sich ihre Legende beinahe schon überlebt. La divina Erika, wie sie in Südamerika genannt worden war, fand nicht mehr zu jenen wunderbar eigenwllUgen, bisweüen grotesk Komischen Tanzstudien, die sie vor ihrer Emigration geschaffen hatte. "Ich tanze du* jetzt mal die Vogelscheuche vor, mein Kind", hatte die alte Dame einmal ohne Umschweife vorgeschlagen, als eme Besucherin die 100 Stufen zu ihrem Olymp keuchend erklettert hatte. Sie behielt diese beherzte Art, die kernen Widerspruch duldete, bis ins hohe Alter. "Ich möchte, daß meine Tänze nicht verlorengehen", war ihr letzter Wunsch.

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