Lou Reed über "Time Rocker"

"Ein undefinierbares Erlebnis mit Musik"

Hamburg - Wie das blühende Leben wirkt Lou Reed nicht gerade, eher wie jemand, der aussieht wie Lou Reed - nur unscheinbarer. Mit "Velvet Underf round" hat der inzwischen 4jährige Rock-Geschichte geschrieben; heute abend soll mit der Premiere von Bob Wilsons "Time Rocker" im Thalia Theater, für das Reed die Musik komponierte, ein neues Kapitel hinzukommen. Doch die harmlose Gesichts-Fassade täuscht. Reed gut, je nach Tagesform, entweder als großer Schweiger oder als extrem launisch. Beiden Einschätzungen wurde er gerecht. Hamburger Abendblatt: Schön, Sie zu treffen.

Lou Reed: Ebenfalls.

Ich bin in einer Voraufführung fewesen und habe Sie durchs 'oyer gehen sehen. Was war das für ein Gefühl - Ihre Musik zu hören und keine Kontrolle auf den Ablauf der Show zu haben ?

Oh, ich habe eine Menge unter Kontrolle. Von einem gewissen Punkt an bestimmt die Musik das Leben der Akteure, sie bekommt dadurch eine zusätzliche, persönliche Dimension. Und das ist wundervoll.

Also haben Sie kein ganz besonderes Lampenfieber?

Nein, das Material wurde ja eigens für die Schauspieler geschrieben. Die Melodien sind für sie, nicht für mich; es war wundervoll, sich zurückzulehnen und ihnen zuzuhören.

War es sehr schwierig, Ihre Vorstellungen von Klane und Atmosphäre auf eine Theaterbühne zu übertragen ?

Na ja, meine eigene Band hat sehr viel Erfahrung mit dem Sound, den ich will, und diese Erfahrung brachten wir ins Thalia, in die Kabel, die Mikrophone .. . Ich weiß nicht - wann haben Sie das Stück gesehen?

Am Sonntag.

Jeder Abend, jede Stunde wird der Sound besser . . .

Es ist also noch ein "work in progress"?

Absolut! Wenn die Schauspieler nicht auf der Bühne sind, arbeiten wir am Sound - an jeder Kleinigkeit.

Einige der Songs sind in kürzester Zeit während der Probenarbeit entstanden. Gibt es auch Songs, die es nicht bis in die endgültige "Time Rocker"-Fassung geschafft haben ?

Alles wurde punktgenau auf die Szenen und die Schauspieler hin geschrieben. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob es Songs gibt, die es nicht geschafft haben. Mein Kopf ist so was von voll mit Songs, daß ich Mühe habe, damit Schritt zu halten. Ich bin nicht sicher, ob da irgendwo Song-Fragmente herumfliegen.

"Time Rocker" wird oft als Musical bezeichnet. Finden Sie das auch - und wennnicht, wasistes dann?

Mir gefällt die Definition, die Bob Wilson gab: Er sieht seine Arbeiten als Opern. Ich denke nicht, daß es im spießerhaften Sinne des Wortes ein Musical ist. Es ist ein undefinierbares Erlebnis mit Musik. Es hat für mich auch keinen linearen Plot. Es ist etwas, was man wieder und wieder sehen muß. Man kann frische, aufregende, schöne, interessante Dinge darin entdecken. Es ist ein Erlebnis der Sinne, denke ich. Man kann etwas betrachten, was einmal so aussieht und einmal ganz anders. Es hat viel Tiefe und Bewegung.

Also kann man auch nicht an einem Abend verstehen, was auf der Bühne vor sich geht?

Von Verständnis weiß ich weniger, dafür mehr von Erleben. Selbst ich, und ich hab' das Stück etliche Male gesehen, brauchte diese Zeit dafür. Es passiert so viel, ich entdecke immer noch Neues in dem, was Bob auf die Bühne bringt. Die Schauspieler gewöhnen sich ans Singen, die Tontechniker an den Raum . . .

Wenn Sie Musik - welcheauch immer - hören, steht es Ihrer Phantasie frei, alle mögllchen Bilder dazu zu ersinnen. Wenn einer Ihrer Songs, so wie jetzt von Bob Wilson, auf die Bühne gebracht und be-bildert wird ist das nicht eine Einengung?

Oh mein Gott, nein. Bestimmt nicht für mich. Was immer ich an Bildern zu einem Song hatte, ohne Bob gäbe es sie nicht.

Also würden Sie in einem Lou- Reed-Konzert nicht zu gebrauchen sein?

Sie wurden mit einer bestimmten Absicht geschrieben.

Ist eine "Time Rocker"-CD geplant?

Bislang nicht.

Sehen Sie Parallelen zu Ihrem letzten Solo-Album ?

Ich habe die Musik für beides geschrieben.

War es schwierig, sich an Wilson zu gewöhnen? Rock 'n'Roll soll doch auch spontan und direkt sein, und das ist Wilsons komplexer Regie-Stil nicht.

Was soll Rock'n'Roll sein? Spontan? Direkt? Vielleicht für Sie. Spielen Sie selbst? Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Wollen Sie mich provozieren oder sich eine schöne Zeit hier mit mir machen? Dafür bin ich nicht gekommen. (Nach einigen Wiederholungen und Ausschmückungen dieser Ansicht:) Das hier macht mir keinen Spaß mehr. Bye.

Interview: JOACHIM MISCHKE