Modernste Prozessorenrechner im neuen Rangierbahnhof Alte Süderelbe steuern die Logistik der Waggons.

High-Tech im Güterverkehr

Von WERNER SILLESCU Das gibt es nur in Hamburg und sonst nirgends auf der Welt: Der im neuen Bahnhof Alte Süderelbe eingelaufene Güterzug wird von einer funkgesteuerten Rangierlok gleichmäßig über den Ablaufberg geschoben, und wie von Geisterhand geführt verteilen sich die Waggons auf die zahlreichen Sortiergleise und bleiben kuppelgerecht am vorbestimmten Platz stehen. Ohne Lücken zwischen den einzelnen Wagen und ohne lautstarkes Aufeinanderprallen.

Dies schafft ein Prozessorenrechner, der auf einer etwa zwölf Meter langen Meßstrecke vor dem Ablaufberg die fahrdynamischen Daten jedes Wagens erfaßt, als da sind Roll- und Luftwiderstand, Gewicht und Laufeigenschaften. Dazu berücksichtigt er externe Daten wie Windrichtung und -geschwindigkeit, Niederschlag und Temperatur. Und er kennt den Füllungsgrad jedes Richtungsgleises. Nach diesen Daten ermittelt

er den individuellen Bremsweg jedes Wagens und regelt sein Lauftempo mit zwei Schienenbremssystemen.

Der Betriebsrechner für den Ablaufberg ist vernetzt mit dem Hafenbahn-Betriebs- und Informations-System HABIS, das ihm wiederum mitteilt, welcher Wagen im Hafen wohin muß und auf welches Gleis er abrollen soll. Dirigiert wird das Ganze von einem einzigen Mann am Bildschirm im Stellwerk. Nur für das An- und Abkuppeln benötigt man noch kräftige Hände.

Diese Technik, die sogar Eisenbahnexperten aus aller Welt Bewunderung abnötigt, wurde für den neuen Hafenbahnhof Alte Süderelbe entwickelt, dessen Planung und Bau 110 Millionen Mark kosteten und der Ende September in Betrieb ging. Und der ein wichtiger Baustein im umfassenden Entwicklungspaket ist, mit dem sich der Hamburger Hafen auf seine neue Zentrallage in Nordeuropa einstellt.

Zum Hafenbahn-Entwicklungsplan, 1991 beschlossen und mit 230 Millionen Mark ausgestattet, gehört als nächster Schritt der Ausbau des Hafenbahnhofs Waltershof. Zusammen mit dem Bezirksbahnhof Mühlenwerder entsteht so ein Gesamtsystem für die westlich von Köhlbrand und Süderelbe gelegenen Hafenteile mit den großen Container-Umschlagplätzen, das auf die wachsenden Anforderungen der Zukunft ausgerichtet ist.

In diesem System werden Alte Süderelbe den Eingangs- und Waltershof den Ausgangsbahnhof bilden. Eine wichtige Rolle spielt dabei HABIS. Das von der Hafenwirtschaft gegründete System- und Softwarehaus "Dakosy" hatte HABIS ursprünglich als Kundenservice für die verladende Wirtschaft entwickelt, um einen engen Verbund herzustellen zwischen Transportauftraggebern, Hafenwirtschaft und Eisenbahn. Dazu kam inzwischen das Betriebsführungssystem HABIS II, das Informationen aus HABIS I zur bedarfsgesteuerten Lenkung des Hafenbahnbetriebes nutzt.

Im Tower beim Bahnhof Alte Süderelbe arbeiten rund 30 Disponenten in der "Dispositionszentrale West". Auf grafischen Bildschirmen sind die Gleisanlagen zu erkennen, auf denen sich die Wagen als einzelne Farbpunkte bewegen. Über eine Schnittstelle "Gateway" ist HA- BIS direkt mit den Computern der Deutschen Bahn vernetzt.

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