Strahlenexperimente in den USA - Aufklärung nach 21 Jahren

Es gibt verschiedene Ebenen des Bösen

Journal: Zwischen 1944 und 1974 wurden in den USA mindestens 23 000 Menschen teilweise ohne ihr Wissen für radioaktive Experimente zu militärischem Nutzen mißbraucht. Schwangeren wurden radioaktive Pillen verabreicht. Kindern wurde radioaktives Jod gespritzt, um Auswirkungen auf die Schilddrüse zu untersuchen. Sind diese Versuche nicht genauso zu bewerten wie Mengeies Menschenexperimente in Auschwitz?

Ruth Macklin: Beides sind medizinische Grausamkeiten, doch wenn wü sie genauer bewerten, dann müssen wir zunächst feststellen, daß es verschiedene Ebenen des Bösen gibt. In den USA war nie der Tod das Ziel des Experiments. Niemand fragte: Wieviel Radioaktivität muß man einem Menschen injizieren, bis er stirbt? Die NS-Experimente waren Teil des Vernichtungsprogramms. Es war Vernichtung durch Versu-

Prof. Ruth

Macklin gehört zur Expertenkommission zur Aufklärung von Strahlenexperimenten an Menschen in den USA. Im August wird sie ihren Bericht vorlegen.

che. Die Versuchsanordnung hieß zum Beispiel: Wie lange dauert es, bis ein Mensch stirbt, wenn man ihm nur Seifenwasser zu trinken gibt? Das Versuchsziel war der Tod. In den USA wurde es in Kauf genommen, daß Menschen in Folge der Experimente nach einigen Jahren sterben konnten. Das ist ein Unterschied. Wenn Sie sagen, daß wir die Taten der Vergangenheit nicht mit unseren heutigen ethischen Standards bewerten können, sondern den damahgen Kontext zu berücksichtigen haben, dann gilt das sowohl für die Experimente in den USA wie für die NS-Experimente.

Aber auch damals gab es ethische Grundsätze. Seit 1929 gab es hier den Code des Reichsgesundheitsrats. Erst ün Nürnberger Code wurde aber festgelegt, daß ein Arzt immer für seine Entscheidungen verantwortlich ist, kein Vorgesetzter, keine Kommission.

Als die US-Experimente durchfeführt wurden, war der Code beannt. Sie wurden nicht angeordnet, um den Patienten Nutzen zu bringen. Bei Todkranken wurde gesagt: "Sie sterben ohnehin, was kann dann falsch sein, etwas Plutonium in Sie zu injizieren?" Wir müssen diese Frage beantworten: Es ist falsch, weü es keinen direkten Nutzen bringt und fremdnützige Menschenversuche nur unter spezifischen Bedingungen legitim sind.

Warum wurde das Komitee eif entlich erst jetzt eingerichtet? >er erste Bericht über nukleare Menschenversuche wurde doch schon 1986 vom Kongreßabgeordneten Ed Markey erstellt. Wissen Sie, wer damals Präsident war? Glauben Sie, daß Ronald Reagan ein großes Interesse daran hatte, Nuklearversuche an Menschen aufzuklären? Es ist jetzt Biü Clinton und Gesundheitsministerin Hazel O'Leary zu verdanken.

Was kann das Komitee für die Opfer erreichen ?

Viele der Opfer leben bereits nicht mehr. Auch viele der Täler nicht. Eine offizielle Entschuldigung der Regierung ist mögllch. Das kann Opfern immerhin eine gewisse Befriedigung verschaffen. Und natürlich soll Schadensersatz gezahlt werden. Geld ist anerkanntes Mittel, Opfer zu entschädigen.