Christa Ludwig im Gespräch

Zum letzten Male in Hamburg

Wien - Die berühmte Sängerin Christa Ludwig hat die letzten zwei Jahre damit verbracht, weltweit Abschiedskonzerte zu geben; ihren "unwiderruflich letzten Brüller" hat die Mezzosopranistin am 12. Dezember in Wien als Klytämnestra in Strauss' "Elektra" noch vor sich. Am Freitag singt sie ihren letzten Liederabend an der Hamburgischen Staatsoper. Das Hamburger Abendblatt fragte sie in Wien:

Haben Sie eigentlich immer noch, gerade bei dieser Abschiedstour, Lampenfieber?

Christa Ludwig (lacht): Furchtbar! Das ist doch ein Grund, warum ich aufhöre. Das ist eine tierische Angelegenheit und hat nichts damit zu tun, ob es das erste oder letzte Mal ist. Ich möchte einfach nicht mehr so stressig leben. Ich arbeite an einem Buch, es enthält einen imaginären Dialog zwischen meiner Stimme und mir. Die Stimme sagt: Ich hab' mich dir zwar geschenkt, aber ich hab' mir dich Untertan gemacht.

. . . was nun auch nicht eben einfach ist.

Wenn man mal anfängt, darüber nachzudenken, ob es sich lohnt, auf Flugplätzen herumzuhocken und in Hotelzimmern, da sitzt man allein von morgens bis abends mein Mann fährt ja fast nie mit und bereitet sich auf den Abend vor. Das ist so langweilig, ich kann's Ihnen gar nicht sagen!

Was haben Sie dagegen unternommen ?

Vom Sticken zu Patiencen

Zuerst hab' ich alle Leute mit Pullovern bestrickt, dann Tischdecken gestickt - furchtbar. Jetzt bin ich auf Kreuzworträtsel und Patiencen umgestiegen. Ein anständiges Buch kann man ja nicht lesen, weil man einfach zu nervös ist, da gehen die Gedanken sofort wieder zum Ton hin. Man sitzt und wartet und macht "Hä, hä, hä", ob die Stimme noch da ist oder die Luft nicht zu trocken.

Schön ist das eher nicht. Aber ist man dann gut bei Stimme und hat man 'nen schönen Abend, ist das wieder eine unheimliche Befriedigung, und man hat eine unglaubliche Freude. Es kommt ein Klang aus mir heraus. Das ist doch hübsch, nicht? Fast wie ein Beischlaf.

Wenn dieser Abschieds-Marathon vorbei ist, soll man nichts mehr von Ihnen hören. Haben Sie Vorkehrungen getroffen, um nicht doch wieder rückfällig zu werden? Glücksspielerlassen sich Hausverbote gegen ihre Sucht auferlegen . . .

Nein, nein, nein, ich bin gar nicht süchtig. Wo ist eine Sängerin, die mit 66 Jahren noch singt? Eine Stimme zu haben, ein Talent zu haben, das kriegt man geschenkt. Man muß sich den älter werdenden Stimmbändern anpassen und schauen, daß man nur die Sachen singt, die dem eigenen Alter angemessen sind. Man kann natürlich auch keine jungen Mädchen singen, wenn man eine reife Frau ist. las ist Quatsch. Ich hasse 45jährige Cherubine und 50jährige Carmens.

Aiso besser Lieder als Opern ? Was für die Oper nicht mehr reicht, ist auf jeden Fall die Kraft, allein schon die Proben durchzuhalten. Orchesterproben stundenlang, Schminkproben, zuviel geredet mit dem Regisseur - die letzte Woche ist tödlich, und das wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Aber man ist ja nicht so blöd, Dinge zu singen, die man nicht mehr kann, da war' man ja saublöd.

Sagen Sie sich manchmal direkt vor einem Auftritt, hätte ich doch bloß etwas Ordentliches gelernt?

(Lacht) Das sage ich mir jedesmal. Aber im Ernst: Die Nerven sind schon schlimm. Ich könnte unentwegt jeden Tag weiter singen, es kommen ständig Angebote. Aber da ich mit meinem Mann endlich zusammenleben will wie eine normale Frau, hab' ich gesagt: Okay, alle Verträge in jeder Stadt, in die ich noch komme, das ist darin mein Abschiedskonzert dort.

Gehört zum Singen mehr als Technik und Talent?

Für mich ist Singen als bloßes Produzieren von Tönen fad. Es gibt Opern-Freaks, die nur reingehen, um die hohen Töne vom Tenor zu hören. Dann gibt es welche - das ist auch mein Publikum - die auch etwas nach Hause mitnehmen wollen für später. Das kommt vom Herzen, das geht zum Herzen. Das ist das einzige, was mich interessiert. Das "reine" Opernpublikum ist etwas anderes.

Zu Glenn Gould fällt einem sofort seine Einspielung der "Goldberg-Variationen " ein. Welche Aufnahme wäre das bei Ihnen ?

Der "Fidelio" mit Klemperer. Das ist aber nicht auf meinem Mist gewachsen - alle haben immer geschrieben, diese Leonore sei bis jetzt unerreicht.

Die Musiker, mit denen Sie gearbeitet haben - von Karajan bis Bernstein, von Böhm bis Solti -, sind künstlerische Größenordnungen, in denen sich heutzutage wenig tut.

Da gibt's auch niemanden. Früher gab es enorme Persönlichkeiten, mit ungeheuren Stimmen, und das ist heute alles so schmalspurig. Auch der Wieland Wagner, das war wirklich ein Revolutionär. Da hat man die Musik gehört, weil nichts gestört hat auf der Bühne. Man hat die Beziehung der Menschen gesehen, da war nicht irgendein Klimbim rechts oder links.

Sie gelten als Weltstar ohne Allüren; hat Sie nie einmal der Hafer gestochen, auch mal aus dieser Rolle zu fallen ?

Bürgerlicher als Soprane

Das ist mir einfach zuviel Arbeit. Dazu bin ich auch zu faul. Eine große Kollegin von mir will nicht aben, daß ein Interviewer das erste Wort an sie richtet, wie beim Sonnenkönig. Ich finde das blöd. Die ganzen Allüren, die man haben könnte - das ist eine Riesenanstrengung!

Wenn man erst einen schlechten Ruf hat, muß man den womöglich genauso pflegen wie die Stimme.

Früher hieß es, eine echte Primadonna muß in einem Jahr sieben Erfolge und sieben Skandale haben. Sieben Erfolge sind drin, aber sieben Skandale muß man inszenieren. Ach, nee . . . Und das ist auch meistens bei Sopranen so, wir Mezzosoprane sind da viel bürgerlicher. Und Baritone sind normaler als Tenöre. Vielleicht hat das etwas mit den Hormonen zu tun, ich weiß es nicht.

Verklärt der Blick zurück auf die Karriere vieles?

Im Gegenteil. Man kann unmöglich mit sich selbst in Konkurrenz treten, zwanzig Jahre alte Leistungen wiederholen. Ich möchte einfach leben und eine ganz normale Frau sein, nicht immer an die Stimme denken, meinem Mann sagen, ich kann dieses nicht tun und jenes nicht. Ich hab' meinen Sohn fast nicht erleben können, bin sicher keine gute Mutter und Ehefrau und hab' nur für meine Singerei gelebt. Das ist doch sehr egozentrisch. Lohnt es sich, für einen Ton ein ganzes Leben zu opfern?

Interview: JOACHIM MISCHKE