Hamburger schildert tödlichen Überfall in Kroatien

"Ich schrie Scotland an: Geh in Deckung!"

Von Andreas Ulrich "Neben einem zerschossenen Haus sahen wir am Stra- ßenrand die verlassenen Autos der Kollegen. Als wir uns näherten, wurde ohne Warnung das Feuer eröffnet." So schilderte der Hamburger Journaüst Peter Wüst (44) den Überfall eines serbischen Terrorkommandos in Kroatien. Sein Beifahrer Egon Scotland (43), Reporter der "Süddeutschen Zeitung", war am Freitag abend von den Angreifern tödüch verwundet worden.

"Ich kannte Scotland aus dem Hotel .Esplande' in Zagreb", berichtete der Chefreporter von Radio Schleswig- Holstein (RSH) dem Abendblatt. "Scotland erzählte mir, er wolle eine Koüegin suchen, die nach GUna auffebrochen war." Susanne öipke (29) von der Deutschen Presseagentur war mit einem Kameramann und einem Toningenieur vom ORF in die umkämpfte Region gefahren und offenbar in Schwierigkeiten geraten. "Scotland fragte mich, ob ich nicht mitfahren könne, auein sei es ihm zu gefährlich", sagte Wüst.

Die beiden Männer nahmen den dunkelblauen BMW des Hamburgers, weü er sicherer schien als der VW Polo, den Scotland gemietet hatte. "Die Polizei versicherte uns, daß der Weg vöUig ungefährüch sei", sagte Wüst. Ein tödlicher Irrtum.

Der 5er-BMW rollte auf das Dorf Jukinac zu. "Das ist ihr Wagen", sagte Scotland, und deutete auf ein Auto mit Wiener Kennzeichen. Die Türen standen offen, daneben zwei weitere Fahrzeuge, eines halb im Straßengraben. In der Nähe entdeckten die Journallsten ein von Granaten schwer beschädigtes Haus. Plötzlich zerrissen Schüsse die Stüle.

Ein Kugelhagel ging auf das Auto nieder, ein Geschoß durchschlug die Frontscheibe. Wüst: ?Ich

schrie: ,Geh m Deckung! Irgendwie habe ich die Karre herumgerissen und bin mit Voligas abgehauen." Mit 140 Stundenkilometern raste er über die holprige Landstraße. "Bist Du verletzt?" fragte Wüst. "Nein", sagte Scotland. Wüst: "Du blutest aber an der Hand." Erst da bemerkte Scotland den Einschuß am Oberschenkel. Schmerzen spürte er nicht.

Nach wenigen Minuten erreichten die beiden eine kroatische Müitärstation. "Da tranken etwa 20 Soldaten Bier", berichtete Wüst. Er habe geschrien, bis ein

0oslawischer Journaüst f, das verletzte Bein abzubinden, dann ging es in mörderischem Tempo weiter. Wüst: "Scotland wurde immer wieder ohnmächtig. Ich habe ständig auf ihn eingeredet, damit er wach bleibt." Die Stimme des erfahrenen Reporters, der bereits oft aus Krisengebieten berichtet hat, klingt belegt.

An der nächsten Polizeiwache forderte Wüst Begleitschutz. Ein Polizeiwagen geleitete den BMW mit Blaulicht zu einer Rot- Kreuz-Station. Ein Sanitäter schnitt Scotland die Hose auf und ordnete den sofortigen Transport ins Krankenhaus von Sisak an. Scotland bat Wüst, ihm ein Buch ins Krankenhaus zu bringen.

Anschließend wurde Wüst eineinhalb Stunden von der Pollzei vernommen. "Sie möchten in der Klinik anrufen", unterbrach dann ein Polizist die Vernehmung. Wüst wählte die Nummer der Krankenhauses. "Ihr Kollege ist tot, innerlich verblutet", sagte ein Arzt. Ein Teil des Geschosses hatte sich von der Kugel abgespalten und war in den Unterbauch gedrungen.

"Das waren Tschetniks. Die lassen sich den ganzen Tag vollaufen und Bauern auf alles was sich bewegt", sagte Wüst. Tschetniks sind serbische Terrorkomman-

dos. Nach Ansicht Wusts schießen sie gezielt auf Presse-Autos. "Die wollen verhindern, daß über die kroatische Freiheitsbewegung berichtet wird." Der BMW war eindeutig als Presse-Fahrzeug gekennzeichnet.

"Das ist ein Scheiß-Krieg. Du hast keine Chance, weil die Fronten sich ständig ändern. Ich wiü nur noch weg hier", sagte Wüst am Sonnabend abend am Telefon. Aber einen Tag mußte er noch in Zagreb bleiben. Wüst hatte der Ehefrau Scotlands, die gestern nach Zagreb gekommen war, versprochen zu warten. Gestern abend brach er dann mit seinem Wagen nach Hamburg auf. Front- und Rückscheibe waren zerschossen, Motorhaube und Kofferraum von Einschüssen übersät.

.. In dem Haus, vor dem der Überfall stattfand, hielten sich tatsächllch die drei gesuchten Kollegen versteckt. Auch sie waren angegriffen worden und hatten sich in das Haus gerettet. Stundenlang waren Granaten in ihrer Nähe detoniert, erst in der Nacht zum Sonnabend gelang es ihnen zu fliehen.

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