Jungfernstieg soll Fußgängerzone werden

Flanieren wie in alten Zeiten?

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Die Bezirksversammlung Mitte möchte den Jungfernstieg in das verwandeln, was er bis zur Erfindung des Autos schon war: eine reine Flaniermeile, fast ausschließlich für Fußganger. Die Bezirks-Abgeordneten von SPD und GAL beschlossen diese Anregung an die Baubehörde gegen die Stimmen der CDU.

Gleichzeitig stimmte das Parlament dem Plan der Baubehörde zu, die City-Fußgängerzonen - ähnlich wie im Modellversuch - Ende 1990 zu erweitern, allerdings unter Einbeziehung des Jungfernstiegs zwischen Ballindamm und Neuer Jungfernstieg.

Der Vorschlag hat unter den ansässigen Geschäftsleuten, der Handelskammer und der CDU-Fraktion einen heftigen Streit ausgelöst. Daß vor einer Verbannung der Autos neue Anreize zu schaffen sind, fordert Henning Tants, Vize-Fraktionschef der CDU im Bezirk Mitte. Nötig sei ein Parkhaus unter der Jiinnenalster, eine schärfere Überwachung von Kurzparkern und ein HVV-Angebot, das mehr Komfort und Sicherheit biete.

Günter Dorigoni, Geschäftsführer bei der Handelskammer, sprach von einer Störung des Dialoges zwischen Wirtschaft und Baubehörde. "Den Jungfernstieg in die Diskussion einzubringen, ist Unfug. Wir müssen erst einmal mit den erweiterten Fußgängerzonen fertigwerden, die wir uns schon aufgeladen haben", sagt er. Gespräche mit Anliegern seien unverzichtbar. Dorigoni: "Das Passagen- Viertel ist der sensibelste Bereich überhaupt."

Die Meinung der Geschäftsleute am Jungfernstieg ist geteilt. Jürgen Schröder, Geschäftsführer bei Leder Klockmann: "Eine Fußgängerzone ist Klasse. Wir brauchen nur die Möglichkeit, bis mindestens 11 Uhr anzuliefern."

Zustimmend äußerte sich auch der Filialleiter einer Schuhhandelskette, der nicht genannt werden möchte: "Für den Jungfernstieg ist die Idee zu begrüßen. Der Gehweg ist ohnehin zu schmal. Wenn es voll ist, schieben sich die Leute hier geradezu vorwärts." Schlecht sei dagegen, daß Parkhäuser und Läden in den Nebenstraßen weniger bequem zu erreichen seien.

Nachteile vermutet auch Alsterhaus-Chef Michael Steinmann: "Ich sehe zur Zeit keine Vorteile einer Fußgängerzone. Zuviele Fragen sind offen: Wo soll der Verkehr hinfließen? Wie weit sollen die Kunden ihre Tüten schleppen?" Zwar könne er sich einen schön gestalteten Platz zwischen Kaufhaus und Alster vorstellen, dennoch würde mit der schlechteren Erreichbarkeit auch die Attraktivität sinken.

Von einer Katastrophe sprach Uwe Kühl, Chef im Modehaus Mey & Edlich. "Die Kunden aus dem Umland verzichten nicht aufs Auto. Wenn hier keiner mehr durchfahren kann, weichen viele in äußere Einkaufszentren aus." Und Rüdiger Heerdegen vom Modehaus Beutin: "Breitere Gehwe- §e als hier gibt es in ganz Hamurg nicht. Je mehr Straßen gesperrt werden, desto weniger Käufer kommen in die Innenstadt." NORMAN RAAP

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