Medien-Laboratorium in Hamburg

Kunst aus dem Fernsehapparat

In Hamburg gibt es ein neues Medien-Laboratorium. Die Künstlergruppe Minus Delta T (der Begriff kommt aus der Computersprache und bedeutet die Vorwegnahme der Zukunft mittels statistischer Berechnung) hat an der Koppel 66 das Ponton Media Lab installiert. Wichtigstes Forschungsprojekt ist zur Zeit Van Gogh TV- Radio, "der Kanal der Künstler".

Das Basis-Team besteht aus vier Medienkünstlern. Das "Lab" verfügt über eine komplette Produktionseinheit, um ein Computer-, Ton- und Videobild zu einem sendefähigen Signal zu produzieren.

Ponton will den Performance-Ansatz aus der Kunst mit den Möglichkeiten der neuen Medien verbinden. Bis heute kann Interaktion mit dem Fernseh- Erogramm nur durch ?ruck auf die Taste, also Programmwechsel, stattfinden. ?Wir forschen über die Vernetzung verschiedener Medien miteinander. Van Gogh TV sucht die

Ziel der Unternehmung, bei der jeder seine eigenen Kassetten vorbeibringen konnte, war die Erforschung des kreativen Potentials einer Stadt mit künstlerischen Mitteln.

Schwerpunkt der Arbeit ist das sogenannte Live- Mix. Dazu Ponton: "Beim Fernsehen ist - auch live alles vorgegeben. Bei uns dagegen fallen Produktion Verbindung mit dem Live- Element." Das bedeutet, der Zuschauer kann sich beispielsweise über Telefon weltweit kreativ am Programm beteiligen.

Sendungen im größeren Stil bot Ponton schon auf der Ars electronica oder der letzten documenta. Nach zwei Wochen wurde das Programm (einen Monat rund um die Uhr) zur Hälfte von lokalen Künstlern und Taxifahrern gestaltet.

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und Sendung zusammen." Und der Unterschied zu Video-Künstlern? "Die Video-Kunst produziert Konserven. Uns interessiert aber der ganze Herstellungsprozeß. Der Produktionsraum ist so wichtig wie die Bühne. Wir delegieren auch nicht, wie Video- Künstler, an technische Spezialisten, sondern alles wird von den Künstlern selbst gemacht."

Kürzlich fand in Hamburg ein Symposion von Van Gogh TV mit der Hochschule für bildende Künste statt. Da die Grup- Ee nicht-kommerziell areitet (keine Werbeaufträge), hinterfragt sie die von ihr angestrebte Kommunikation. Fragen wie "Sind die Medien nicht nur Kommunikations-Ersatz?" oder "Wieviel will jeder überhaupt kommunizieren?" wurden erörtert. Das Selbstverständnis des Künstlers muß anhand der neuen Medien neu definiert werden, denn sie bieten sich durch ihre allgemeine Verwendung im Arbeitsprozeß als neue Volkskunst an.

Die Arbeit von Ponton wird von Ministerien, der Wirtschaft und privaten Mäzenen unterstützt. "Wir begreifen uns als Schnittstelle zwischen Künstler und Industrie. Das heißt, wir loten als Künstler aus, was mit einem Gerät (Compouter, Video) möglich ist."

Ausbau ins Kabelnetz

Von April an will die Gruppe Kurse für Kunststudenten aus der DDR im "Lab" veranstalten. Sie hat direkte Kontakte zu den Akademien in Dresden und Halle. Gemeinsam mit der Hochschule für bildende Künste wird ein Hochschulfernsehen entwickelt. Außerdem arbeitet man an einem Konzept fürs Hamburger Kabelfernsehen. Ponton Media Lab soll als öffentlicher internationaler Forschungsort ausgebaut werden.

CORNELIA PLATTNER

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