Erster Flottenbesuch der Bundesmarine in der Sowjetunion

Der Empfang war kühl

Von Günter Stiller

Leningrad - Unter Ausschluß der Öffentlichkeit befann am Freitag der erste lottenbesuch der Bundesmarine in der Sowjetunion. Als die Fregatte "Niedersachsen", der Zerstörer "Rommel" und das Troßschiff "Coburg" um 10 Uhr in den Hafen von Leningrad einliefen, wurden sie von einer Handvoll Offiziere der Baltischen Flotte und einer mittelstarken Marinekapelle erwartet.

Der angekündigte Ehrenzug war nicht erschienen. Auf dem Passagier-Terminal froren genau 17 zivile Zuschauer. Der Kai war wie leergefegt, die Atmosphäre kühl wie der Nordwind. Die lang erwartete "historische Stunde" schlug, aber keiner war da.

Und eine historische Stunde war es in der Tat: Zum erstenmal betrat eine Einheit der Bundeswehr sowjetisches Territorium. Die Schiffe der Bundesmarine mit insgesamt 650 Mann an Bord liefen unter sowjetischer Flagge in der "Heldenstadt der Sowjetunion" ein: In den Toppen wehte die riesige weiße Dienstflagge der Seekriegsflotte der UdSSR mit dem roten Hammer- und Sichel-Symbol.

Für die ersten beiden Tage wurden je 6000 bis 8000 Besucher zum "Open Ship" erwartet. Den Gästen wird fast alles

gezeigt - sogar die geheime Operationszentrale.

"Wir haben nichts zu verheimlichen!" sagte Fregattenkapitän Gottfried Hoch, der Kommandant der in Wilhelmshaven stationierten Fregatte "Niedersachsen". Schlag 10 Uhr hatte sein Schiff festgemacht.

Die Besatzung war an Deck angetreten. Um 10.10 Uhr ging Konteradmiral Cyril Alexejewitsch Tulin, stellvertretender Kommandeur der Marinebasis Leningrad, in schwarzer, goldverzierter Uniform an Bord. Als erster Sowjet-Admiral betrat er ein Schiff der Bundesmarine. Begrüßt wurde er von Hornsignalen, Seite-Pfiffen und dem deutschen Befehlshaber, Flottülenadmiral Hans-Rudolf Boehmer, wegen seiner gepflegten hellblonden Haare "Shampoo" genannt.

Es sei eine ehrenvolle Aufgabe, einen deutschen Flottenverband in Leningrad begrüßen zu können, sagte der Russe. "Wir werden alles daran setzen, daß dieser Besuch angenehm verläuft." Der Deutsche antwortete: "Diese Reise ist ein großes Erlebnis für uns alle, das sich tief in die Herzen meiner Männer einprägen wird."

Nach 26 Minuten ging der Sowjet-Admiral von Bord. Als Geschenk nahm er einen Bundeswehr-Kompaß mit. Gerade legte sich die "Rommel" neben die "Niedersachsen". Beim Festmachen entdeckte der 20jährige Radargast Frank Kohl-Boas aus Bremen an Deck des Zerstörers seinen Freund, den Matrosen Günther Jägerhuber aus Aalen/Württemberg. Vor zwei Monaten hatten sich die beiden Wehrpflichtigen in Bremerhaven zum letztenmal gesehen. Angesichts der surrenden Fernsehkameras rief Kohl-Boas seinem Kumpel zu: "Na, hast du für Mammilein auch schön gelächelt?" Frierend rief Jägerhuber zurück: "Für wen denn sonst?"

Für den "politisch interessantesten Auftrag der Flotte" sind die 650 deutschen Soldaten (darunter 120 Wehrpflichtige) drei Monate lang gedrillt worden. Sie erfuhren, wie sehr dreieinhalb Millionen Bürger von Leningrad während der deutschen Belagerung von 1941-1944 mehr als 900 Tage lang gelitten hatten. Rund eine Million Menschen waren in dieser Zeit gestorben, die meisten an Hunger.

Matrose Kohl-Boas sagte, er habe sich freiwillig zu der Eskorte für die Kranzniederlegungen an den Denkmälern gemeldet. "Als Tourist kann ich später immer noch kommen", meinte er.

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