Das Thalia trauert um Charlotte Schellenberg

60 Jahre am selben Theater

Sie war Thaliens Treueste. 60 Jahre stand sie am Alstertor auf der Bühne. Mehr als 300 Rollen hat sie gespielt. Jetzt ist Charlotte Schellenberg, Ehrenmitglied des Thalia Theaters, im 80. Lebensjahr nach längerer Krankheit in Hamburg gestorben.

Im Jahr 1928 hatte sie ihr Thalia-Debüt als Hansel im Weihnachtsmärchen. Danach trat sie in Shaws "Heiliger Johanna" im Schauspielhaus auf. Es sollte der einzige "Ausrutscher" an einer anderen Bühne bleiben.

Von den zarten Jungmädchen-Gestalten, die sie während ihrer Anfänger-Jahre verkörperte, wuchs Charlotte Schellenberg, die in Dresden geboren wurde, peu ä peu ins Charakterfach. Gegen Ende ihres langen Lebens hat sie sich manchmal - wehmütig, aber wohl nicht bitter darüber beklagt, daß die Rollen für sie ausgegangen zu sein schienen. "Man sucht die Stücke heute nicht mehr nach den Menschen aus, sondern umgekehrt", mochte sie dann in solchen Momenten sanft kritisieren.

Das Thalia Theater war

ihre Heimat. Acht Intendanten hat sie erlebt, hat den Aufstieg mitgetragen, den dieses Hamburger Haus von der "Bühne fürs Leichte" hin zum anerkannten zweiten Staatstheater genommen hat. Darauf war sie stolz.

Das Publikum liebte Charlotte Schellenberg wie eine respektierte Vertraute. Die Kollegen hebten sie als offene, freundliche Schauspielerin, die ihr Handwerk ungekünstelt und diszipliniert beherrschte und stets über die Bühnen-Branche auf dem laufenden war.

In den letzten Jahren, so ließ sie manchmal durchblicken, hätte sie gern auch mal in einem experimentellen, in einem vielleicht sogar bizarren Stück gespielt, einem Drama, das abseits der routinierten Trampelpfade liegt. Daraus wurde nichts mehr.

Der Geist und die Geborgenheit eines geschlossenen Ensembles war der Schauspielerin immer wichtig.

Manchmal hat sie es vermißt. In den letzten Jahren jedoch, unter Jürgen Flimms liebevoller Obhut, ist wieder so etwas wie eine Thalia-Familie zusammengewachsen. Charlotte Schellenberg war darin die geachtete und beliebte Doyenne.

Ihre letzte Rolle war die Amme Katja in Jürgen Flimms bejubelter "Platonow"-Inszenierung. Bis zum Sommer ist sie darin aufgetreten. Dann wurde die Krankheit stärker als der Wille, das Publikum nicht zu ent täuschen.

Erscheinungen wie Charlotte Schellenberg sind rar geworden in den deutschen Theatern: Glücklich die Bühne, an denen sie ihre Heimat fanden.

JOACHIM KRONSBEIN

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.