Schatz aus der Urzeit

Uralt ist der Schatz, der vom 1. September bis zum 5. November im Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt wird: der bulgarische "Silberschatz von Rogozen".

In einem Gemüsegarten des Dorfes Rogozen, keine 100 Kilometer nördlich von Sofia, holte ihn im Herbst 1985 ein Traktor ans Licht: 65 reich vergoldete Silbergefäße. Und im Januar 1986, nur fünf Meter vom ersten Fund entfernt, noch einmal 100 gut erhaltene Gefäße. Insgesamt sind es 108 Schalen, 54 Kännchen und drei Becher. Zwei davon hat der Traktor zerquetscht und zerschnitten.

Zwei Wissenschaftler der Universität Hamburg haben die thrakischen Kostbarkeiten als erste im Westen beschrieben: Professor Dr. Peter Zazoff und Professor Dr. Lambert Schneider vom

Archäologischen Institut. Beide sind auf die thrakische Bildsprache spezialisiert. Die Thraker hatten keine eigene Schriftsprache entwickelt. Deshalb weiß man über ihre Sprache auch nur wenig. Gefäße aus Edelmetall dienten als Ehrengeschenke und Auszeichnungen. Ihre Bilder stellen knapp und lapidar in Emblemen und Chiffren viele Normen der damaligen Gesellschaft dar.

Vermutlich ist der Schatz entweder im Jahr 335 v. Chr. beim Balkanfeldzug Alexander des Großen oder aber spätestens bei den Kelteneinfällen um das Jahr 280 v. Chr. ineinandergelegt, in zwei Säcke oder Holzkisten verstaut und vergraben worden. Denkbar wäre aber auch, daß es rituelle Niederlegungen oder Schatzbegräbnisse, geheime Weihungen an eine Gottheit gewesen smd. Da die Behältnisse vergangen sind, lagen die Geschirre als zwei Haufen im Humusboden über einer Sandschicht.

Insgesamt sind bisher elf solcher Edelmetallschätze in Bulgarien gefunden worden. Professor Zazoff: "Thrakien erweist sich immer mehr als die Wiege der Silber- und Goldschmiedekunst Europas. Der Goldreichtum der Thraker war schon im Altertum sprichwörtlich und ist in Homers Epen bezeugt." Faszinierend ist, daß die Thraker sowohl die Verarbeitung der Edelmetalle als auch die künstlerische Ausgestaltung vollendet beherrschten.

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