So entsteht ein Film für TV-Nachrichten

Wie aus Stunden 1'30" werden

Freitag, 12 Uhr: Im Altonaer Bahnhof herrscht Gedränge. Väter schleppen Koffer, Kinder drücken ihren Teddybären an sich. Jugendliche bahnen sich mit Fahrrädern und prallgefüllten Packtaschen einen Weg durch die Menge. Urlaubszeit. SAT.l-Mitarbeiter Rainer Nadollek (30) plant einen Service-Beitrag über die Reise mit dem Fahrrad in der Bundesbahn. Länge: 1'30", eineinhalb Minuten (Rundfunk- Deutsch: "eins-dreißig").

vier oiunaen nai er Dereixs auf Organisation, Archiv- und Telefonrecherche verwandt. Jetzt beginnen die Dreharbeiten mit dem Leiter der SAT.l- Kameraabteilung, Wulfdieter Klemm (41), und Assistent Bernd Olsson (29).

Kameramann Klemm schultert die rund zwölf Kilogramm schwere Videokamera. Um die Hüfte trägt er noch einmal 3,5 Kilo - die Stromversorgung. "Entweder Rückenschaden das ist Berufskrankheit - oder viel Gymnastik", sagt Klemm. Er macht jeden morgen seine Übungen, auch wenn er um vier Uhr raus muß. Assistent Bernd Olsson ist mit Tonmischgerät, gewaltigem Stativ und Richtmikrophon mit Windschutz bewaffnet. Das kleine Mikro für Originaltöne beutelt seine Sakkotasche aus. Wert der Ausrüstung: 100 000 Mark.

Rainer Nadollek sichtet das Gelände. Auf einem Elektrowaren kommen uns viele Fahrräder entgegen. "Tolles Bild", schwärmt er, aber die Kamera ist noch nicht einsatzbereit. Trotzdem blickt er zufrieden: Fahrräder, die heutigen Hauptdarsteller, gibt es genug.

12.30 Uhr: Klemm läuft die Bahnsteige rauf und runter. Wieder kommt ihm die Gymnastik zugute: Er muß wendig sein. Für den Blickwinkel der Kamera kniet er und sitzt auch schon mal im Schneidersitz neben dem Gleis. Olsson bleibt ihm dicht auf den Fersen.

Endlich: Beamte laden Fahrräder aus einem Waggon aus. Kamera läuft, das rote Licht brennt - da fährt ein Zug direkt vor die Linse. Wir rennen zum nächsten Bahnsteig. Ein Beamter will uns über die Gleise führen und durch einen Zug hindurch den Weg zum nächsten Bahnsteig abkürzen. Die Kamera ist schon drüben. Nadollek schleppt das schwere Stativ. Gerade ist er auf die Schienen getreten, da kommt ein Zug, der uns vom Kamerateam trennt. Wir müssen außen herum, um die nächste Einstellung gerade noch zu erwischen.

13.20 Uhr: Gepäckaufgabe. "Mit mir nicht", schreit der Beamte am Schalter, schlägt mit der Faust auf den Tresen. Vor die Kamera will er auf keinen Fall. Klemm filmt Fahrräder, während Rainer Nadollek eine junge Frau davon überzeugt, mitzumachen. Sie will ihr Fahrrad aufgeben, nach Würzburg. Eine einwöchige Tour wollte sie ab Sonntag machen, aber das Fahrrad braucht für die Bahnreise fast vier Tage. Nadollek freut sich - er hat den problematischen Aspekt bebildert. Eine halbe Stunde opfert die junge Frau für die Dreharbeiten. Rainer ist zufrieden - "Wir haben alles."

15 Uhr: Rückfahrt in die Redaktion. Knapp 30 Minuten Material sind gedreht, für 90 Sekunden Sendelänge. "Normal ist ein Verhältnis von 1 zu 7", sagt Klemm, aber hier soll noch eine "lange" Version für das Regional-TV entstehen; Länge: zwei Minuten 40 Sekunden.

16 Uhr: Rainer Nadollek hört sich die "O-Töne" an (Gespräche mit Interviewpartnern) und sichtet das Filmmaterial. Dabei fertigt er eine "Time- Code-Liste" an, mit deren Hilfe er und die Cutterin später die Einstellungen schneller finden können. Er schreibt seinen Text. Heute hat er Zeit, der Beitrag wird erst morgen gesendet.

20.15 Uhr: Auf zum Schneideraum. Cutterin Annette Gerhardt (33) schneidet täglich vier bis zehn Beiträge. Sie sucht eine Zwischenszene. Ein Pommes frites essender Reisender auf dem Bahnsteig? "Gefällt mir überhaupt nicht", sagt sie. Man bleibt bei den Fahrrädern. Blitzschnell dreht sie die Knöpfe, mit denen sie das Band vorund zurückbewegt. Die Klebelade ist hier Vergangenheit; für den Schnitt drückt sie einen roten Knopf. Der Ton? "Klingt furchtbar", findet Annette Gerhardt. Aber das hegt am Lautsprecher.

Sonnabend, 11.45 Uhr: Rainer spricht seinen Text im schallgeschützten Sprecherraum. Toningenieur John Lokke sitzt nebenan in der Tonnachbearbeitung. Dann geht Schlußredakteur Folkert Lohmann noch einmal das Manuskript durch und gibt sein O.K.

18.45 Uhr: Sendung in der

Nachrichten-Sendung "Blick . Kein Zuschauer wird hinter den 90 Sekunden elf Stunden Arbeit vermuten - ?ein problemloser Dreh", resümiert Rainer Nadollek.

Die "lange" Fassung wird voraussichtlich heute m "Wir im Norden" gesendet.

SAT.l, 17.45 Uhr

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