Spitzel sind auf chinesische Studenten in Hamburg angesetzt

"Wir haben Angst"

Zwischen Hamburg und Peking liegen mehr als 10 000 Kilometer - und doch reicht der Arm der chinesischen Machthaber bis in die Hansestadt. Die rund 300 in Hamburg wohnenden chinesischen Studenten leben in Angst.

Wie berichtet, soll Peking mindestens 50 Spitzel in die Bundesrepublik geschickt haben. "In der vergangenen Woche sind mehrere Spitzel nach Hamburg gekommen", bestätigte Thomas-Sönke Klutn von der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft, "sie sind bei Studententreffen aufgetaucht und haben gefragt, wer an den Demonstrationen teilgenommen hat, und ob es Fotos davon gibt."

Kluth sprach am Sonnabend auf einer Solidaritätsveranstaltung für das Volkskunsttheater Shanghai im Thalia Theater. Die Theatertruppe sollte beim Festival "Theater der Welt" das Stück "Lennon, Konfuzius, Jesus" aufführen. Doch nach der Niederschlagung der Demonstrationen in China war das Gastspiel abgesagt worden - wegen "unvorteilhafter Kommentare" in westlichen Medien.

Anfang Juni waren noch fast alle chinesischen Studenten auf die Straße gegangen, am Sonnabend kamen kaum mehr als 30 ins Thalia Theater. "Viele haben Angst", sagte eine Studentin der Betriebswirtschaft. Wie alle anderen chinesischen Studenten wollte sie ihren Namen nicht nennen.

"Ich kann mir gut vorstellen, daß Verwandte von protestierenden Studenten mit Repressalien rechnen müssen - aber ich bin trotzdem gekommen", sagte ein Chemiestudent. Ein Student der Betriebswirtschaft sagte: "Wir haben vor allem Angst, was passiert, wenn wir zurück müssen. Hoffentlich hat sich die Situation in ein paar Jahrengeändert."

Auf der Buhne trugen deutsche Schauspieler das Stück "Lennon, Konfuzius, Jesus" vor, angereichert mit Ausschnitten aus dem Video einer Aufführung. Dabei wurde schnell klar, warum die Theatertruppe nicht kommen durfte. Obwohl das Stück schon im Oktober 1987 geschrieben wurde, waren einige Passagen von bedrükkender Aktualität:

In "Purpurland" ist alles purpur gefärbt - "anders sein ist nicht erlaubt". Das Land ist voller Polizisten, "kein Mensch kann sich ihrer Kontrolle entziehen". Beim Ministerium für Gedankenverteilung werden die Menschen geimpft, damit sie sich nicht gegen die Obrigkeit auflehnen. "Farbabweichler" kommen an den Pranger. - "Genauso ist es in China", sagte ein chinesischer Chemiestudent, "alle müssen gleicher Meinung sein."

Bei einer Diskussion nach der Aufführung ging es auch um die Frage des Wirtschaftsboykotts. Der Vorsitzende des Verbandes chinesischer Studenten und Wissenschaftler Deutschlands, Li Bo, kritisierte ein Gemeinschaftsprojekt von MBB mit China zum Bau eines Zivilflugzeugs. Der Partner von MBB sei das Ministerium für Luftfahrt, das unter militärischer Kontrolle stehe. KRISTIAN STEMMLER Lesen Sie auch das Montagsinterview auf Seite 4