Warum der HSV-Sportchef den Präsidenten um Entlassung bat

Erich Ribbeck gibt auf

Von Manfred Heun, Rainer Grünberg und Jens Meyer

Hamburg - Heute mittag um 12 Uhr im "Lindenhof" in Ochsenzoll wird der HSV bekanntgeben: Sportchef Erich Ribbeck hat Präsident Ernst Naumann gebeten, ihn vorzeitig zum Saisonende aus dem bis zum 30. Juni 1990 datierten Zwei-Jahres- Vertrag zu entbinden. Naumann soll diesem Wunsch entsprochen haben.

Um 11.15 Uhr werden die HSV- Profis von dieser Entscheidung unterrichtet. Co-Trainer Gerd- Volker Schock hat für diesen Termin eine Mannschaftssitzung anberaumt, obwohl wegen des Spiels in Mannheim nur Training für die Reserve angesetzt ist.

Einige Spieler dachten schon, es solle über die UEFA-Cup-Prämie (25 000 Mark) verhandelt werden.

Als Erich Ribbeck Pfingsten 1988 kam, frisch dekoriert mit dem Gewinn des UEFA-Cups als Trainer von Bayer 04 Leverkusen, da strahlten Ernst Naumann und sein Stellvertreter Horst Becker.

Die Antrittsworte des 51 Jahre alten Fußball-Lehrers machten die beiden Hamburger stolz: "Der HSV ist ein bestens geführter, renommierter Verein. Wenn man die Chance hat, in Hamburg zu arbeiten, sollte man zugreifen."

Ribbeck hat's angepackt. Er brachte gemeinsam mit den Trainern Willi Reimann und Gerd- Volker Schock den HSV aus dem sportlichen Tal. Der dritte Platz in

der Bundesliga ist ein Erfolg, unbestritten.

Was für ihn Neuland war, konnte auf Anhieb wohl nicht bestens geraten: die Öffentlichkeitsarbeit.

Sie ist nach wie vor das größte Problem des HSV. Denn dem sechsmaligen Deutschen Meister sind die Zuschauer in Scharen davongelaufen, der HSV hat einen Schnitt von nur noch 15 851 Besuchern - Tiefststand in der Bundesliga seit 1963.

Fan-Aktionen, familienfreundliche Eintrittspreise und die "HSV-Stars zum Anfassen" haben die Popularität des Renommierklubs vom Rothenbaum nicht steigern können.

Es ist denkbar, daß die nur schleppenden Fortschritte auch bei den Verhandlungen mit der Stadt um eine bessere Verkehrsanbindung des Volksparkstadions - Erich Ribbeck entmutigt haben. Die fehlenden finanziellen Möglichkeiten des hochverschuldeten Klubs taten es allemal.

Ihm wurde vorgeworfen, eine Vertragsverlängerung mit Manfred Kaltz nicht nachdrücklich genug betrieben, und bei Torjäger Uwe Bein falsch taktiert zu haben. "Ich bin in beiden Fällen noch über die abgesprochenen finanziellen Möglichkeiten hinausgegangen, um beide zu halten", sagte der Sportchef.

Ribbeck wird heute die Gründe für seine Entscheidung nennen. Vielleicht sind es persönliche, weil es doch einen gravierenden Einschnitt in das Familienleben gegeben hat. Und Ehefrau Ulla ständig zwischen Frechen bei Köln und Hambürg-Wellingsbüttel pendelte.

Vielleicht aber ist es auch die Tatsache, daß Ribbeck sich die Arbeit nicht so kompliziert vorgestellt hatte. Die Forderung, den HSV in einen europäischen Wettbewerb zu alter Größe zu führen und außerdem zu sanieren, war kaum einzulösen. Es fehlt das Geld. Der HSV hat rund 13 Millionen Mark Verbindlichkeiten. Keiner weiß, wie neue Spieler finanziert werden sollen.

Es ist anzunehmen, daß der HSV den hochdotierten Posten des Sportchefs, der bei etwa 300 000 Mark brutto im Jahr angesiedelt ist, aufgrund seiner Sparmaßnahmen nicht neu besetzen kann, daß nicht nur die Präsidiumsmitglieder, sondern auch ehemalige Spieler wie Uwe Seeler, Jürgen Werner oder Harry Bahre gefordert sind. Der HSV muß sich in dieser schwierigen Situation jetzt selbst helfen.

"Nein, das kann ich nicht glauben. Ich bin völlig überrascht. Für mich gibt es keine Erklärung", sagte Libero Ditmar Jakobs zu dem bevorstehenden Rücktritt.

Der Kreis schließt sich. Wie Pfingsten 1988 scheint in Hamburg die Sonne. Erich Ribbeck wird nach Saisonende nach Frechen zurückkehren.

Ob er eines Tages doch wieder Trainer sein wird? Vielleicht gibt er darauf heute eine Antwort.

Das sagte Ribbeck

"Wenn die Leistung nicht stimmt, kann man machen, was man will, dann können Sie Tanzbären auftreten lassen, aber Sie haben keinen Zuschauer mehr."

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"Ich käme nie auf die Idee, einem Spieler einen Fünfjahresvertrag zu geben, weil ich gar nicht weiß, was in fünf Jahren ist. Ob ich dann noch da bin? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß."

(12. Januar 1989) *

"Wie wir aus der finanziellen Misere herauskommen, muß nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Ich kann nur sagen, daß ich hier eine Situation angetroffen habe, die sehr, sehr kritisch ist."

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"In der Vergangenheit ist hier von der Hand in den Mund gelebt worden. Sie müssen sich ja nur die Bilanzen der vergangenen Jahre ansehen. Hier ist nie an morgen, schon gar nicht an übermorgen gedacht worden. Was in München ist, könnte auch hier sein."

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"Wenn ich damals genau gewußt hätte, wie die finanzielle Situation ist, wäre ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zum HSV gegangen." (12. Januar 1989)

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"Natürlich habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob ich im Juli 1990 noch hier bin. Ich weiß es nicht." (vor einer Woche)