70 000 bei Pink Floyd im Stadtpark

Rock zwischen Idylle und Technik

Da waren sie wieder: die Typen mit langen Haaren und ausgewaschenen, zerfransten Jeans. Die Festwiese im Stadtpark wurde am Freitag zum Schauplatz eines riesigen Rock-Happenings: Schneidersitz, Wolldecken, selbstgedrehte Zigaretten, Raucherstäbchen. Rund 70 000 Menschen - 60 000 auf der Festwiese und 10 000 Zaungäste - warteten auf ihre Idole aus den siebziger Jahren - Pink Floyd.

Es war eigentüch wie bei jedem Konzert: Wunderkerzen und Feuerzeuge bei Schmusestücken, Kreischen und Jubel bei altbekannten Hits. Und doch - irgendwie war diesmal aües anders. Auf der einen Seite herrschte Idylle im Grünen: Buden, Picknick-Körbe, gegrülte Würstchen und Kerzenschein, auf der anderen Seite ein technisches Spektakel mit 16 Tonnen Licht, 150 Tonnen Ton und der größten Open-air-Bühne der Welt (51 Meter breit, 27 Meter hoch, 24 Meter tief). Gigantischer Rahmen für die Dinosaurier aus der Flower-Power-Zeit.

Kurz nach neun legen die Altrocker - Gitarrist und Sänger David Gümour ist 43, Drummer Nick Mason und Richard wright (Keyboards) sind 45 Jahre alt los. "Shine On You Crazy Diamond" soü die Fans in alte Zeiten zurückversetzten. Doch kaum schauen sich die Pärchen verhebt in die Augen - "Weißt du noch damals?" - werden sie zurückgeholt in die Gegenwart: Bis zur Pause spielt das Trio mit Verstärkung (fünf Musiker und drei Sängerinnen) nur Stücke von der neusten Studio-LP "A Momentary Lapse Of Reason": alter Stil, zum Teü mit poppigen Elementen.

Trotz optimalen Sounds - 50 000 Watt Quadrophonie - kommt das Pubükum nicht so recht in Stimmung. Die übriggebüebenen Hippies wöUen in Nostalgie ?schwelgen. Den neuen Liedern fehlt der Mythos des Vergangenen. Und auch die Show erreicht noch nicht den gewünschten Effekt. Obwohl sich die

Lichtmaschinerie alle Mühe gibt - gegen Sonnenschein und Abenddämmerung kommt sie nicht an.

Nach einer zu langen Pause geht das Pink-Floyd-Konzert um 22.45 Uhr erst richtig los. "Time", "Money", "Wish you were here" - das woüen die Fans hören. Dazu flimmern surreahstische FUme über die runde Leinwand und saust ein überdimensionales Bett über die Köpfe der Zuschauer hinweg.

Endüch ist es auch dunkel genug für die Lightshow. Vier Roboter mit je 3800 Spots bestrahlen die Bühnen aus aüen Richtungen und in aüen Farben. Laserkanonen schießen blaue, rote und grüne Lichtbündel in den Himmel. Einigen Fans fäUt beim Staunen die Kinnlade herunter. Erfahrenere in Sachen Pink- Floyd-Konzerten sind weniger beeindruckt: Bei der Tour 1987/88 Uef die Show genauso über die Bühne.

Die greüen Blitze und vernebelten Spots scheinen von den winzigen Menschen auf der Bühne abzulenken. Vielleicht, damit keiner den Bauchansatz von David Giümour erkennt, das Doppelkinn von Nick Mason, die Falten von Richard Wright? Perfekt spielen sie ihr Repertoire. Sie haben es ja auch lange genug geübt (1973 erschien die LP "The Dark Side Of The Moon", 1975 ,,Wish You Were Here", 1979 das erfolgreichste Doppelalbum "The Wall").

Nach drei Stunden Pink Floyd sind die Meinungen über die Quaütät des Konzertes geteilt. Enttäuschung bei den Freunden der ganz frühen Pink-Floyd- Ara: Eine psychedeüsche Stimmung wie Ende der sechziger Jahre kann bei so einem technischen Spektakel nicht aufkommen. Die jungen Pink-Floyd-Anhänger sind vöüig erschlagen von den Legenden, die sich um die Rock-Giganten rtnken. Für die Fans aus der Hippie- Zeit ist es einfach das Ereignis: Pink Floyd war leibhaftig im Stadtpark - und sie waren dabei. MINOU TIKRANI