Brauchen Fußballspieler einen ?Freund

Beraten und verkauft

Der Fall von Heesen, die Turbulenzen um den gescheiterten Millionen-Transfer des HSV-Profis nach Frankfurt, hat sie wieder ins Zwielicht gerückt: "Profi-Berater" wie Holger Klemme oder Wolfgang Fahrian, die bei Geschäften anderer mitkassieren wollen. Die Spielervermittler sind das Thema des zweiten Teils der Serie "Unternehmen Bundesliga".

"Berufsberatung, Vermittlung in berufliche Ausbildungsstellen und Arbeitsvermittlung dürfen nur von der Bundesanstalt für Arbeit betrieben werden, soweit es nicht anders bestimmtist."

Paragraph 4 des

Arbeitsförderungsgesetzes

Vor zwei Wochen hatten sie noch das gleiche Ziel. Im Frankfurter Sheraton-Hotel diskutierten Holger Klemme und HSV-Profi Thomas von Heesen über einen Vereinswechsel, der zu diesem Zeitpunkt längst gescheitert war.

Inzwischen reden nur noch beider Anwälte miteinander. Spielervermittler Klemme, der sich offiziell Berater nennt, hat eine einstweüige Verfügung beim Langericht Bonn angestrengt, in der von Heesen die Behauptung untersagt wird, er habe Klemme nicht mit seiner Interessenvertetung betraut. Und es wird im Gegenzug eme Klage von Heesens gegen Klemme wegen falscher Erklärungen geben.

Klemme ging jetzt noch einen Schritt weiter. Er steüte von Heesen eme "Widerrufsverpfüchtung" zu.

Der Hamburger soll nun bis morgen, 12 Uhr, seine Aussagen revidieren, er habe bei den Verhandlungen mit der Eintracht keinen Berater gehabt, und allem Klemme hätte ein Interesse am Transfer gehabt.

Nicht nur die Gerichte müssen jetzt tätig werden. Auch der DFB schaltet sich ein. Justitiar Götz EUers: "Dem Verdacht auf ülegale Spielervermittlung werden wir nachgehen und die Spieler Jürgen Kohler, Dieter Eckstein und auch Thomas von Heesen zur Anhörung durch den Kontrollausschuß laden."

Seit Spieler die Vereine und mit ihnen viel Geld die Klubkonten wechseln, versuchen Dritte, an diesem Geschäft zu profitieren. Weü eme Arbeitsvermittlung in der Bundesrepubük Deutschland jedoch allein der Bundesanstalt für Arbeit vorbehalten ist, müssen sie unter dem Decknamen Berater, Betreuer und Freund tun, was verboten ist.

Doch nicht aüe genießen in der Branche einen solch schlechten Ruf wie Holger Klemme. Der kümmert sich ausschüeßllch um die ganz gro- ßen FäUe: "Peanuts interessieren mich nicht." Sem Küent Dieter Eckstein ging für 3,4 Mü- üonen Mark von Nürnberg zu Frankfurt, die AUofs-Brüder Thomas und Klaus gehören zu semer Kundschaft.

600 000 Mark wollte Klemme für sein Mitwirken am geplatzten von-Heesen-Wechsel kassieren, selbst beim HSV fragte er in gewohnt forscher Art nach einem Honorar nach. "Der hat mich behandelt, als würde er mit dem Vorsitzenden eines Dorfvereins reden", meinte HSV-Präsident Naumann.

Besser beleumundet in der Liga ist der ehemäüge Nationaltorhüter Wolfgang Fahrian. Münchens Manger UU Hoeneß bezeichnetet ihn erst kürzlich als "außerordentüch seriös".

Fahrian fädelte den Wechsel von Jürgen Kohler vom 1. FC Köln zum FC Bayern München ein: "Ich habe Jürgen ledigüch beraten, und das ist nicht gesetzwidrig. Mit diesem Transfer sind alle zufrieden."

Eüers warnt jedoch: "Den Spielern scheint nicht bewußt zu sein, welche Risiken sie eingehen. Es könnte einmal die Frage gestellt werden, ob die Spielerlaubnis für den neuen Verein erteüt werden kann."

Eme Patentlösung weiß aber auch der mächtige DFB nicht. Für einen eher durchschnittlichen Spieler besteht angesichts der herrschenden Ablöseregelungen kaum eine Chance, einen neuen Klub ohne Hufe anderer zu bekommen.

Findet der Spieler keinen neuen Klub, wendet er sich ans Arbeitsamt. Zu 99 Prozent wird der Spieler dann Arbeitslosenempfänger.

Wüü Lemke, Manager des Deutschen Meisters Werder Bremen, empfiehlt unerfahrenen Spielern, sich an die Vereinigung der Vertragsspieler (VdV) zu wenden. Präsident ist der frühere Werder- und HSV- Profi Benno Möhlmann. "Es |"9

tauchen immer wieder Personen auf, die durch ihr Handeln den Fußball in Mißkredit bringen. Sie wollen sich nur bereichern, sehen hinter allen Aktionen nur den Profit", sagt Lemke.

Wo aber üegt die Grenze zwischen seriös und unseriös, zwischen Berater und Vermittler? "Ich glaube nicht, daß jemand beurteüen kann, ob eme Beratung oder eme Vermittlung vorliegt. Und noch eins: Wer soll darüber befinden, ob emer Ahnung vom Fußball hat oder nicht?" fragt Fahrian. Jürgen Kohler jedenfalls setzt auf seinen Berater: ?Ich vertraue ihm hundertprozentig, weü er nicht

der Typ für die Ischnelle Mark ist."

Ehemäüge Nationalspieler Schemen für die Spielerberatung prädestiniert zu sein, weü sie über das sportüche Know-how verfügen. Das ist auch im Tennis der Fall. Dort hat Ion Tiriac, ein ehemaüger Tennisspieler, als Manager Boris Beckers neue Maßstäbe gesetzt. Und im Fußball?

In den fünfziger

Jahren reiste ein gewisser Raymond Schwab mit einem VW- Bus durch die Lande und brachte Spieler zum Probetraining bei den Oberügavereinen. Die Drohungen des DFB schreckten damals weder Klubs, Spieler noch Berater.

Berühmt wurde bei den ersten großen europäischen Transfers der in Basel ansässige Dr. Otto Georg Ratz. Der inzwischen 71 Jahre alte gebürtige Ungar ging in die Geschichte als "Mister Zehnprozent" ein, weü er an Transfers zu einem Zehntel beteüigt war. ?Heute ist

aües zu einem Klassenkampf geworden", bedauert Dr. Ratz die Verrohung der Sitten.

Einige Vereine haben zur Selbsthüfe gegriffen: Sie lehnen es ab, sich mit bestimmten Beratern an einen Tisch zu setzen. Doch auf die Einigkeit in dieser Frage auf die gesamte Liga zu setzen, wäre eine rosarote IUusion.

Der DFB ist gefordert, über Anhörungen hinaus für eme Legitimation der vertrauenswürdigen Berater zu sorgen.

MANFRED HEUN RAINER GRÜNBERG

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