Erich Ribbeck an der Grenze des Machbaren

Es gibt keine Idee

Erich Ribbeck, den Sportchef des HSV, hat das Lächeln verlassen. Der letzte Platz beim Hallenftißball-Turnier in Kiel, noch hinter den Amateuren von Holstein, hatte ihn verstimmt. Dabei wollten wir gar nicht darüber mit ihm reden, sondern über die sportliche und finanzielle Zukunft des HSV. Und über die Rolle, die Erich Ribbeck dabei spielt. Zum Interview empfing er uns in seinem Büro an der Rothenbaumchaussee - weiße Wände, Pokale im Regal, den Wimpel aus Malaysia auf der Fensterbank, viel Papier und einen Kaktus auf dem Schreibtisch.

Hamburger Abendblatt: Herr Ribbeck, Sie sind ein halbes Jahr in Hamburg. Haben Sie schon einmal Bilanz gezogen ?

Erich Ribbeck: Dazu hatte ich bisher kerne Zeit. Ich bin nach wie vor in der Situation, in der es zu viele Probleme gibt, um da mal Luft zu schöpfen und sich Gedanken zu machen, ob man das, was man macht, richtig macht, und es so, wie man's macht, richtig ist.

Uns ist aufgefallen, daß von Ihnen noch keine zündende Idee kam, über die Zukunft des Fußballs oder wie man die Zuschauer wieder ins Stadion lockt.

Da gibt es andere, die sich vielleicht mehr Gedanken machen. Es gibt aus meiner Sicht kerne Ideen.

Man hört vom HSV vor einem Spiel sehr wenig. Wir verstehen die Rolle des Sportchefs so, daßerdenHSVin der Öffentlichkeit darstellen soll.

Das mag sein. Das m.ag an mir hegen. Meine Auffassung ist: Überzeugen kann ich nur durch sportliche Leistung.

Die gehört dazu.

Die gehört nicht dazu, die ist der Grundstock. Wenn die Leistung nicht stimmt, kann man machen, was man wül, dann können Sie Tanzbären auftreten lassen, aber Sie haben keinen Zuschauer mehr.

Wie definieren Sie Ihre Manager-Rolle? Ich muß dazu beitragen, daß es dem Verein sportlich besser geht. Das Wichtigste war, als ich hier herkam, erstmal Ruhe einkehren zu lassen, eine positive Ruhe, sich etwas entwickeln lassen; den Trainer aus der Schußlinie zu nehmen. In meiner Verantwortung Uegt der ganze Transferbereich, Verträge so zu verlängern, daß ich sie auch in zwei Jahren noch einhalten kann. Ich käme nie auf die Idee,

Ob ich dann noch da bin? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht groß.

einem Spieler einen Fünfjahresvertrag zu geben, weü ich gar nicht weiß, was in fünf Jahren ist. Ob ich dann noch da bin? Die Wahrscheinüchkeit ist nicht sehr groß.

Muß nicht der Sportchef des HSV auch über den sportlichen Tellerrand blicken?

Ich kann dazu nur sagen, daß wir immer wieder Überlegungen anstellen. Beispielsweise haben wir eine Aktion gemacht für das Spiel gegen Karlsruhe, wo denn auch 30 000 Zuschauer im Stadion waren, davon 19 000 zahlende.

Da spielte der Tabellendritte gegen den Vierten. Muß man für ein Spiel der Spitzengruppe Freikarten verteilen ?

Wenn Sie die Frage ernsthaft stellen, dann kennen Sie das Geschäft nicht. Bayern München kann als Tabellenzehnter kommen - die Zuschauer kommen. Der Karlsruher SC kann als Tabellenführer kommen - dann haben Sie keine Zuschauer, um von Extremen zu sprechen. Jeder Verein hat ein über Jahrzehnte entwickeltes Image.

Das muß doch Konsequenzen haben. Muß man die Bundesliga von den Luschen befreien?

Das ist ein Denkfehler. Warum?

Weü wir auf die Einnahmen angewiesen sind. Weü ich gegen Kickers Stuttgart, Tabellen-Sechzehnter, immer noch 6000 Zuschauer habe. Zu einem Freund-

Eine Bankrotterklärung des Fußballs?

schaftsspiel kommen vielleicht 1000. Wenn ich die Liga auf zwölf Vereine reduziere, habe ich sechs Heimspiele weniger.

Wenn es keine Idee gibt, wäre das doch eine Bankrotterklärung des Fußballs.

Es gibt ja Tausende von "Ideen". Das sind alles Themen, die angerissen und nicht zu Ende gedacht werden.

Sie gehören doch zu denen, die sich darüber Gedanken machen müßten . . .

Mache ich ja auch. Aber ich kann doch nicht mit jedem Gedanken, von dem ich feststelle, daß er nicht durchsetzbar ist, an die Öffentllchkeit gehen. Nur um zu sagen: Guck mal da, der Ribbeck hat sich Gedanken gemacht.

Fußball ist auch Showgeschäft. Es wird doch sonst jeder Quatsch in die Öffentlichkeit getragen. Sie sind ja kein Professor, der ein Gutachten vorlegen soll.

Finde ich eine wunderbare Aussage von Ihnen. Jeder Quatsch wird veröffentlicht, und da beteiüge ich mich nicht dran.

Das ist nobel für Sie. Aber ist es auch gut für den HSV?

Wenn das schlecht ist für den HSV, dann muß ich eben meine Konsequenzen ziehen. Dann muß sich der HSV einen Quatschmacher suchen. Meine Theorie ist, das Gerede über die Misere des Fußballs vergrößert diese nur. Denn damit wird der Öffentllchkeit ständig bewußt gemacht, da ist etwas nicht in Ordnung. Man muß die positiven Seiten anpreisen.

Sportlich stehen Sie ja recht gut da. Das wäre positiv. Hat der HSV dadurch eine Perspektive, um aus der finanziellen Misere herauszukommen?

Sportlich, ja, ganz ordentüch, aber das kann sich schnell wieder ändern. Wie wir aus der finanziellen Misere herauskommen, das muß nicht in der Öffentllchkeit diskutiert werden. Ich kann nur sagen, daß ich hier eine Situation angetroffen habe, die sehr, sehr kritisch ist.

Ist zuviel Geld ausgegeben worden? Vielleicht ist auch zuwenig eingenommen worden. Es fehlt jedenfalls das Geld.

Sie sind immer noch dabei, mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Ich muß damit leben. Von dem Minus müssen wir langfristig herunterkommen. Das geht nur über die sportliche Leistung.

Mit einem UEFA-Cup-Platz?

Ich sehe, daß bei der Leistungsfähigkeit der Gruppe (Mannschaft, Trainer und Management) ein UEFA-Cup-Platz eine ganz außergewöhnliche Leistung wäre.

Ihr Präsident Emst Naumann hat gesagt, der HSV muß in jedem Jahr im Europapokal mitspielen und sogar ins Viertelfinale kommen, um dieKosten dekken zu können.

Wenn ich sicher wäre, wir kämen in den UEFA-Cup, wenn wir noch einen Spieler verpflichteten, würde ich das sofort machen. Das ist so nicht zu machen, auch nicht mit zwei Spielern.

So schlecht ist die Mannschaft? Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich muß das mal so deutllch sagen: Wir können es nicht, weü wir kein Geld haben, wir sind gar nicht in der Lage, noch zwei Spieler zu verpflichten. Wir haben nicht nur kein Geld für Neuverpflichtungen. Wir müssen sogar flankierende Maßnahmen finden, um unseren Etat zu entlasten.

Also hochdotierte Verträge kürzen. Aber das geht wieder an die Substanz.

Die Substanz der Mannschaft kann man auch durch andere Dinge verbessern. Eine junge Mannschaft ist ein Jahr später

Es ist eine Schande, daß der HSV in so eine Situation geraten ist

nicht nur älter, sondern auch reifer. Wir brauchen Zeit zur Entwicklung.

Diese Zeit gibt Ihnen die Bundesliga aber nicht. Und schon gar nicht geben die Hamburger dem HSV diese Zeit.

Das wird immer behauptet. Aber aus vielen Gesprächen weiß ich, daß die Zuschauer den Einbau junger Spieler fordern. Wir machen uns ja unglaubwürdig, wenn wir nur Stars kaufen. Schließüch geben wir jedes Jahr eine Million Mark für Nachwuchsarbeit aus.

Ist das Risiko, einen Star zu holen, überhaupt so hoch? Die meisten kann man günstig weiterverkaufen. Nach Italien . . .

Dazu müssen sie eine "intakte" Mannschaft und einen "intakten" Verein haben, der finanziell gesund ist. Es ist eine Schande, daß der HSV in so eine Situation geraten ist.

Weil der Klub es 1983, als es ihm gut ging, versäumt hat, die zukunftsweisenden Maßnahmen zu ergreifen.

Ich sag's mal ganz hart: In der Vergangenheit ist hier von der Hand in den Mund gelebt worden. Sie müssen sich ja nur die Bilanzen der vergangenen Jahre ansehen. Hier ist nie an morgen, schon gar nicht an übermorgen gedacht worden. Was in München ist, könnte auch hier sein.

Interview: Hans Wacker / Rainer Grünber"