Der Prozeß in Miami: Zuhälter Riechmann soll Hamburger Freundin erschossen habenVerteidiger: Mandant wurde nicht belehrt

Rettet ihn ein Formfehler vor der Hinrichtung?

Mit der Befragung der letzten Zeugen ist! in Miami das Vorverfahren im Mordprczeß gegen den Zuhälter Dieter Riechmann beendet worden. Der Deutsche wird beschuldigt, am Abend des 25. Oktobers 1987 seine Hamburger Freundin Kersten Kischnick in Miami erschossen zu haben. Würde Riechmann schuldig gesprochen, droht dem 44jährigen die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.

Bevor jedoch mit der Auswahl der zwölf Geschworenen begonnen und der eigentliche Prozeß eröffnet werden kann, muß Richter Solomon noch über eine Reihe von Anträgen entscheiden, die Riechmanns Verteidiger Ed Carhart eingebracht hat. Dabei geht es um die rechtliche Qualität der von der Anklage vorgelegten Beweismittel und Zeugenaussagen - die nach Ansicht der Verteidigung unzulässig sind.

Zum Abschluß des Vorverfahrens hatte Richter Solomon die beiden Polizisten Bernd Schleith aus Lörrach und Wilüam Turner aus Miami befragt. Aufmerksamer Beobachter: Dieter Riechmann. Der seit Ende Oktober Inhaftierte trägt seine früher blond gefärbten Haare wieder naturbraun. Mit einer blauen Hose und einem weißen Adidas-Sweatshirt bekleidet, nahm er selbstsicher am Verteidigertisch Platz.

Riechmann, der zur Zeit des Todes von Kersten Kischnick kaum ein Wort Enghsch sprach, kann sich heute ohne Probleme mit seinem Verteidiger verständigen. Er machte sich eifrig Notizen, während sein Anwalt den deutschen Polizisten mit HUfe einer Dolmetscherin mühsam befragte.

Bernd Schleith war einer der beiden Kripo-Beamten, die Anfang November 1987 die gemeinsame Wohnung von Riechmann und Kersten Kischnick in Rheinfelden bei Lörrach durchsucht hatte. Von dieser Durchsuchung stemmt auch das meiste des aus Deutschland kommenden Beweismate-

rials gegen Riechmann.

Während Verteidiger Carhart anschlie- ßend den Polizisten William Turner aus Miami Beach über seine Rolle in der Nacht des 25. Oktober befragte - Turner hatte Riechmann zum Polizeihauptquartier gefahren und Um in eine Aufbewahrungszelle gesperrt, obwohl er damals noch nicht als Verdächtiger galt- , inspizierte Riechmann Negative, die ein Detektiv dem Verteidiger gegeben hatte. Wieder machte sich Riechmann Notizen.

Die Befragung des amerikanischen Beamten kann für das Verfahren noch große Bedeutung bekommen. Denn nach amerikanischem Recht muß ein "Verdächtiger" von einem Polizisten darüber belehrt werden, daß er während der Befragung Anrecht auf die Anwesenheit eines Anwaltes hat, da seine Äußerungen bei einem späteren Prozeß gegen ihn verwendet werden können. .

Riechmann-Verteidiger Carhart scheint nun belegen zu wollen, daß diese sogenannte "Miranda-Regel" - Fernsehzuschauern von amerikanischen Krimiserien wie "Kojak" und "Miami Vice" längst bekannt - im Fall von Riechmann nicht eingehalten worden ist. Wenn Richter Solomon sich dem Argument des Verteidigers anschließt, "hat der Ankläger keinen Fall mehr", wie es ein Gerichtsbeobachter ausdrückte. Und es käme überhaupt nicht mehr zur Auswahl der Geschworenen. MICHAEL NISCHK

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