Wachablösung beim Hamburger SVDer Bundesligaklub trennt sich von Manager Magath

Jetzt kommt die Ribbeck-Ära

Hamburg - Donnerstag abend um 23.05 Uhr klingelte bei den Naumanns in Ahrensburg das Telefon. Der nächtliche Anruf kam aus Leverkusen. Erich Ribbeck, zum Saisonende scheidender Trainer des neuen Europapokalsiegers TSV Bayer 04 Leverkusen, war am Apparat. Der 50jährige Fußball-Lehrer teilte dem HSV-Präsidenten zu später Stunde mit, er nehme dessen Angebot an und sei bereit, mit Beginn der nächsten Spielzeit Manager oder Technischer Direktor beim HSV zu werden. Schon über Pfingsten will Ribbeck mit seiner Frau nach Hamburg kommen und mit Ernst Naumann Einzelheiten des Vertrages besprechen. Wachablösung beim Hamburger SV: Manager Magath geht, Direktor Ribbeck kommt. Die Ära Ribbeck kann beginnen.

"Auch wenn ich es noch nicht schriftlich habe, gehe ich doch davon aus, daß Herr Ribbeck zu uns kommt", sagte Ernst Naumann am Freitag abend. Im Sporthotel Quickborn teilte er der Mannschaft vor dem letzten Bundesliga- Punktspiel am Sonnabend gegen Borussia Dortmund (15.30 Uhr, Volksparkstadion) die Entwicklung um den Managerposten mit.

Auf die Gründe von Ribbecks geplanter Verpflichtung woüte Naumann nicht eingehen: "Ich fühle mich Felix Magath freundschaftüch verbunden." Es gäbe keinen Grund, sich mit ihm öffentlich auseinanderzusetzen. "Der Verein macht weder Fellx Magath noch Trainer Willi Reimann dafür verantwortlich, daß wir in der kommenden Saison in keinem internationalen Wettbewerb vertreten smd."

Magath soü nach dem WUlen des HSV-Präsidiums seine Geschäfte bis auf weiteres, so Naumann, "voüverantwort- Uch weiterführen. Es sind jetzt noch wichtige Dinge zu tun, und die soü er erledigen. Er hat unser aller Vertrauen".

Während der HSV seine zunächst gezeigte Zurückhaltung weitgehend abgelegt hat, hielt sich der Wunschkandidat aus Leverkusen noch bedeckt. Ribbeck bestätigte zwar Kontakte mit Ernst Naumann ("Wir haben mehrmals miteinander gesprochen. Zuletzt hat Herr Naumann vor dem Spiel gegen Espanol Barcelona mit mir telefoniert"), will seine Entscheidung aber erst nach dem letzten Saisonspiel seines Vereins gegen Bayern München am Sonnabend der Öffentlichkeit bekanntgeben. Immerhin gestand er ein, daß ihn "die vom HSV angebotene Aufgabe sehr reizt. Ich bin noch sehr ehrgeizig und wül mich nicht zur Ruhe setzen".

Den noch amtierenden Manager traf die jüngste Entwicklung wohl nicht unvorbereitet. Schon seit Wochen bemühte sich Naumann um den Kontakt zu Ribbeck. Auch die Erfolge der letzten Wochen mit Siegen über den 1. FC Köln, Bayer Leverkusen und Meister Werder Bremen festigten die Position von Magath nicht. "Solche Grundsatzentscheidungen soüte man nicht von den Ergebnissen einiger Spiele abhängig machen", sagte Ernst Naumann.

Während der sichtlich enttäuschte Felix Magath klarstellt, "ich habe im Moment einen Vertrag mit dem HSV, und ich werde aüe tun, was mein Job verlangt", sucht Naumann einen Weg, wie der ehemalige Nationalspieler bei seinem Abgang das Gesicht wahren kann. "Felix hat sich um den HSV verdient gemacht", sagt der Präsident, "deshalb habe ich angeboten, daß ich für jede Lösung offen bin."

Den Plan, ihm einen Technischen Direktor Ribbeck zur Seite zu stellen, scheiterte nach Informationen des Hamburger Abendblattes jedoch an Magatns Widerstand. Diese Art der Degradierung sei mit ihm nicht zu machen, soll der Amtsinhaber gesagt haben. Eine Abfindung würde dagegen den finanzieü ohnehin angeschlagenen Verein teuer zu stehen kommen. Schüeßüch hat Magath noch einen bis zum 30. Juni 1991 datierten Vertrag, aus dem ihm bei einem Monatsgehalt von 15 000 Mark noch 555 000 Mark zustehen.

Der Kommentar

Fellx Magath übernahm 1986 eine Mannschaft im Umbruch, warnte stets vor großen Erwartungen. Der HSV wurde Vizemeister und Pokalsieger und verpaßte in diesem Jahr nur knapp einen Platz im UEFA-Cup. Magath verbesserte das Image des Vereins, suchte wieder die Nähe zum Fan. Er wurde im ersten Jahr seiner Tätigkeit zum Symbol des neuen HSV.

Aber: Auf Probleme reagierte er stets zögerlich, nie energisch und überzeugend genug. Seme Anständigkeit stand ihm zu oft im Weg. Er üeß sich vom ehemahgen Präsidenten Klein bevormunden, seme Autorität bei der Mannschaft unterminieren, gewährte dem jugoslawischen Trainer Skoblar zu lange Unterstützung, schenkte dem bundesügaunerfahrenen Willi Reimann sein bedingungsloses Vertrauen.

Doch der Zeitpunkt der Trennung überrascht. Denn Magath hatte gerade erst mit Billigung des Präsidiums die Weichen für die Zukunft gestellt.

Beim HSV wird es jetzt ein Kölner Modell (Lattek/Daum) geben. Reimann trainiert, Erfolgstrainer Ribbeck führt die Oberaufsicht. Am Rhein scheiterte diese Lösung nach einem halben Jahr, rg

Ein Mann, der klare Entscheidungen liebt

Erich Ribbeck wurde vor eine schwere Geduldsprobe gestellt. Erst als sein Entschluß feststand, mit 50 Jahren als Bundesligatrainer aufzuhören, kam trotz jahrzehntelanger hervorragender Arbeit endlich der ersehnte große Erfolg. Erich Ribbeck holte mit Bayer 04 Leverkusen den UEFA-Cup und tritt nun auf dem Höhepunkt seiner Trainerlaufbahn ab.

"Ich lebe in keiner Traumwelt, bei mir hat aües seine Ordnung, ich liebe klare und präzise Entscheidungen", hat Ribbeck einmal gesagt. Halbe Sachen lehnt er kategorisch ab, und so war es kein Wunder, daß sein Vertrag mit dem DFB von nicht allzu langer Dauer war. Der Grund für die vorzeitige Trennung waren Querelen bei der WM 1982 in Spanien.

Während Ribbeck um die optimale körperliche Verfassung der deutschen Nationalspieler besorgt war, sagte der damalige Bundestrainer Jupp Derwall nur: "Erich, laß es gut sein." Der Assistent fügte und ärgerte sich darüber, daß es statt leichten Trainings nur Erholung gab. "Mit Kompromissen mag ich nicht leben", sagte Derwalls Assistent kompromißlos und quittierte 1984 den Dienst.

An lukrativen Angeboten hat es ihm nie gefehlt. Als Ribbeck am 27. September 1984 beim DFB ausschied, war der Wechsel in die Bundesliga, zu Borussia Dortmund, perfekt. Und am 1. Juli 1985 kehrte er ins heimische Rheinland zu Bayer Leverkusen zurück.

Nun hat der leidenschaftliche Tennisspieler Erich Ribbeck den UEFA-Cup geholt, und Bayer Leverkusen ist über Nacht hoffähig geworden. Unabhängig davon ergab eine Zuschauerbefragung beim Stichwort "Image" die Bestnote für den Trainer.

Erich Ribbeck hat früher aktiv beim Wuppertaler SV und bei Viktoria Köln gespielt, er war Assistenztrainer in Mönchengladbach und dann Cheftrainer bei Rot-Weiß Essen, Eintracht Frankfurt und 1. FC Kaiserslautern, ehe er 1978 zum DFB wechselte.