Der Staatsakt

Abschied von Kurt Georg Kiesinger

dpa Stuttgart - Rund 1000 Trauergäste aus dem In- und Ausland haben am Freitag in Stuttgart von dem früheren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger Abschied genommen. Bei einem Staatsakt in der Domkirche St. Eberhard würdigte Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Verstorbenen als außergewöhnlichen "vom Geist geprägten Politiker", der ein "Beispiel für Humanität in der Politik" gegeben habe. Bundeskanzler Helmut Kohl nannte Kiesinger einen der "Baumeister der Repubhk" . Der Alt-Bundeskanzler und frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg war am 9. März in Tübingen im Alter von 83 Jahren an einem Herzversagen gestorben.

Weizsäcker, der die Witwe Marie-Luise Kiesinger zu Beginn der Trauerfeier in die erste Bankreihe geleitet hatte, betonte in seiner Gedenkrede vor allem Kiesingers "gelassenes Verhältnis" zur Macht. Sie sei bei ihm nie Selbstzweck gewesen. So habe er die Zeit der Großen Koalition "nicht durch Taktieren und verborgenes Fädenziehen", sondern durch Offenheit und Gemeinsinn geprägt. Unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft habe Kiesinger auf eine ihm offenstehende glanzvolle Karriere ün Staatsdienst verzichtet. Zwar sei er kein Mann des Widerstandes gewesen, doch aufrichtig gegenüber sich und seinen Überzeugungen gebheben.

Kohl würdigte vor allem die Verdienste des Kanzlers der Großen Koalltion in den Jahren

1966 bis 1969. Damals habe Kiesinger "unsere Republik durch eine besonders schwierige Phase ihrer Geschichte" geleitet und "aus gefährhchen Strömungen" herausgeführt. Durch seine Reformpoütik habe er "die Fähigkeit der Demokratie unter Beweis gestellt, neue Entwicklungen aufzunehmen". In Kiesingers Regierungszeit seien Ansätze zur Entspannung zwischen Ost und West sowie "Bemühungen um mehr Miteinander" im geteilten Deutschland und Europa gefallen.

Der Stuttgarter Regierungschef Lothar Späth nannte den ehemaligen Ministerpräsidenten einen "Glücksfall für die Geschichte Baden-Württembergs". Kiesinger habe die wichtigsten Traditionen, Tugenden und Temperamente des Landes in seiner Persönhchkeit vereint und dem Südwesten internationales Flair gegeben.

Zuvor hatte der Bischof der Diözese Stuttgart-Rottenburg, Georg Moser, das Pontifikalrequiem gehalten. Zu Ehren des großen Mozart-Liebhabers Kiesinger sang die Gächinger Kantorei unter Professor Helmuth Riüing, begleitet vom Kammerorchester Stuttgart, Teile des Requiems für Solisten, Chor und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart.

18 Admiräle, Generäle und Stabsoffiziere der Bundeswehr hielten die Totenwache am Sarg, vor dem ein mit roten Gerbera und Rosen geschmückter Kranz der Angehörigen lag.

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