Weltkindertag 1987

Ein Vater für 50 000 Kinder

Interview mit dem Präsidenten der SOS-Kinderdörfer - Helmut Kutin:

Renate Schneider: Herr Kutin, ich freue mich, den Nachfolger des von mir so bewunderten Hermann Gmeiner nun persönlich kennenzulernen. Ich gestehe, daß ich sehr neugierig darauf war. Wie würde der Mann aussehen, der das ungewöhnliche und verantwortungsvolle Erbe übernommen hat, für 50 000 Kinder zu sorgen und ihnen ihr Zuhause zu erhalten.

Sie kommen gerade von einer Asienreise zurück. Von 1971 an haben Sie dort selber mittlerweile 50 SOS-Kinderdörfer und 50 begleitende Einrichtungen aufgebaut. Haben Sie angesichts der vielen Millionen notleidender Kinder nicht auch häufig das Gefühl, Ihre Arbeit ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Helmut Kutin: Wenn man heute zurückschaut auf das Werk Hermann Gmeiners - auf 38 Jahre - könnte man sagen: was ist das schon? Und doch, wenn man auf 700 Kinderdorfprojekte hinblicken kann, dann geschieht doch etwas. Auch wenn Sie sagen, ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie haben ja Recht, aber: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Jede Wüste ohne Oase ist tödlich für uns alle. Je mehr Oasen wir haben, umso lebenswerter wird die Wüste für diese Kinderwelt.

Ein würdiger Nachfolger

Helmut Kutin, der neue Präsident der SOS-Kinderdörfer, hat selber die

Liebe und Geborgenheit in einem SOS-Kinderdorf erleben dürfen. Am 4. Oktober 1941 in Bozen geboren, kam er

1953 in das erste von Hermann Gmeiner gegründete Kinderdorf Imst in

Tirol. Die Familie des jungen Kutin war zuvor auf

tragische Weise zerfallen. Sein Dortvater in Imst

war Hermann Gmeiner. Helmut Kutin besuchte in

Innsbruck die Lehrerbildungsanstalt und studierte Volkswirtschaft, bevor ihn Hermann Gmeiner

1967 nach Vietnam

zum Aufbau des SOS-Kinderdorfes Saigon berief. Seitdem hat er 50 SOS-

Kinderdörfer und weitere 50 SOS-Einrichtungen

in Asien aufgebaut und betreut. 1986 bestimmte ihn

Hermann Gmeiner zu

seinem Nachfolger.

Warum wählte Hermann Gmeiner den Notruf SOS, einen Notruf aus der Seefahrt?

Hermann Gmeiner war davon überzeugt: Wenn man das Leben eines Kindes rettet, rettet man auch seine Seele.

Sie planen jetzt auch Einrichtungen im Ostblock?

Im Ostblock sind wir ja schon, nur nicht in Ostdeutschland. Das ist jetzt noch verfrüht.

Das geht dort doch gar nicht vom System her?

Es ist in Ungarn gegangen, in Polen, in Jugoslawien. Es- igt in China gegaagen. Beheimatung von Kindern in famiüen- ähnllchen Einrichtungen: Mutter-Kind, Bruder-Schwester, ein Haus, ein Dorf. Das ist alles. Das ist die ganz entscheidende Aussage, die Gmeiner vor 38 Jahren getroffen hat. Wh- machen keine Polltik. Das Aufziehen der Kinder in dem jeweüigen Land ist Sache der landeseigenen Kultur, der Soziologie oder der Rellgion.

Wenn man uns fragt, worin Uegt eigent- Uch Ihre Phüosophie, können wir nur antworten: Unsere ganze Phüosophie ist, jedem Kind, soweit das mögllch ist, eine Heimat zu geben. Unsere Philosophie ist das Tun. Das Tun ist das Wichtige.

War das das Geheimnis für den Erfolg Hermann Gmeiners?

Ja, er hatte eine Idee und das notwendige Durchsetzungsvermögen. Denn trotz aller Ideen blleb er Reaüst, trotz aller Emotionen und aller Sensibütät hat er stets nur das Machbare angestrebt.

Was können wir tun, um Ihre großartige Arbeit, das größte private Sozialnetz der Welt, zu unterstützen ? Immer wieder fragen unsere Leser, was brauchen die SOS-Kinderdörfer?

Was wir brauchen? Wir brauchen vor allem Freunde. Freunde, die uns immer ., , wigder- unterstützen. Wir brauchen Paten für unsere Kinder. '^ffirfjiflHiwoBufderWelt sonst haben wir

solche Mütterprobleme wie in Deutschland. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Kinderdorf-Idee hier etwa 30 Jahre beheimatet ist. Das bedeutet, eine ganze Generation von Müttern aus zwölf Kinderdörfern geht jetzt fast gleichzeitig in Pension.

SOS -Liebevolle Kinderdorfmütter gesucht

"Ihr müßt die Kinder einfach Ueben", das war alles, was Hermann Gmeiner seinen ersten Küiderdorfmüttern Anfang der 50er Jahre in seinem ersten SOS-Kinderdorf mit auf den Weg gab, als sie ihre schwere Aufgabe übernahmen, für verwahrloste, verwaiste und halbverhungerte Kinder zu sorgen.

Während sich in der Dritten Welt noch immer genügend Frauen finden, die in einem Kinderdorf Waisen die Mutter ersetzen, werden für die zwölf SOS-Kinderdörfern in der Bundesrepubllk dringend Frauen für diese Aufgabe gesucht. Es ist kein Job, Mutter in einem SOS- Kinderdorf zu sein, sondern eine schwere, aber auch besonders schöne und sinnvoüe Aufgabe, die erfüUt und bereichert.

Wer sich für diese Aufgabe interessiert, sollte einmal schreiben an: SOS-Kinderdorf e. V., Renatastraße 77, 8000 München 19.

Was stellen Sie für Ansprüche an Frauen, die Mütter in einem SOS-Kinderdorf werden möchten?

Wir brauchen Frauen, die im Leben stehen, und von ihrer Umgebung als solche anerkannt werden. Diese Anerkennung ist wichtig. Sie müssen seellsch gesund sein und Kinder gern haben. Sie sollten etwa zwischen 24 und 38 Jahren sein. Mit 24 beginnt eine Frau ihren zukünftigen Lebensweg sicherer abzuschätzen - mit 38 hat sie noch genügend Kraft und kann noch eine ganze Generation von Kindern aufziehen.

Aus meiner täglichen Arbeit kenne ich Frauen, Mitte 40, die selber Kinder großgezogen haben, geschieden sind und nun nach einer neuen Aufgabe suchen. Wäre das nicht ein neues Potential?

Auch, aber das müßte von Fall zu Fall besprochen werden. Wir wollen unter allen Umständen vermeiden, daß sich Frauen mit persönüchen Problemen ins Kinderdorf flüchten. Denn die Kinder, die sie dort bekommen, haben ja alle Probleme. Die zukünftige Kinderdorf- Mutter muß schon eine gesunde Stabilltät haben.

Haben Sie für die Ausbildung dieser Frauen eine Mütterschule?

Ja, sie Uegt in Südbayern. Wunderschön und reizvoll gelegen. Ein bißchen einsam, aber das ist gut.

Wie sind die sozialen Leistungen? Sie ist angestellt, bekommt Sozialleistungen wie jede andere berufstätige Frau, hat später einen Anspruch auf eine PensiostAUÄkannauch, wenn sie wül, im DorfwolüWblerbem.

Wie lange muß sich eine Frau "verpflichten"?

Wh- machen keinen Plan. Wir erwarten im Stülen, daß die Mütter für ihre Kinder ein Leben lang bleiben. 90 Prozent der heutigen SOS-Kinderdorf-Mütter sind nach dem Kriege gekommen und bis zu ihrer Pensionierung Mütter geblleben. Auch dann ist es eigentlich kerne Pensionierung. Denn wenn eine Mutter aus ihrem Kinderdorfhaus auszieht, damit eine neue Mutter neuen Kindern eine Heimat geben kann, lebt sie am Rande des Kinderdorfes in einem Mütterheim als Großmutter weiter in der Famüie mit. Sie wird von ihren Kindern besucht und wird heuen, wenn eine Mutter mal ausfallt, so wie es eine Großmutter ja auch tut.

Welche Pläne haben Sie für die nächsten Jahre? Werden Sie weitere Kinderdörfer bauen ?

Ja, dort, wo es noch keine gibt, werden wir eines als Modelleinrichtung für die Kinderfürsorge des jeweiligen Landes bauen.

Dann aber kommt vielleicht die größte Herausforderung und Verantwortung auf uns zu: Unsere Jugendllchen beruf- Uch und menschllch zu integrieren. In Europa ist eine Integration schon schwer, noch schwerer ist es in der Dritten Welt. Da müssen wir in verstärktem Maße tätig werden und Ausbüdungsstätten schaffen, Sozialzentren einrichten und Starthilfen geben.

Haben Sie finanzielle Sorgen? Sorgen haben wir immer. Die Menschen in der Bundesrepubllk haben uns jedoch immer besonders unterstützt und uns sehr weitergeholfen.

Wie stehen Sie zu Kindern? Haben Sie eigene Kinder?

Nein. Schauen Sie, unter den vielen Kindern, die das SOS-Kinderdorf beheimatet, sind einige, die zwar biologisch nicht meine Kinder, aber in jeder anderen Hinsicht wie meine eigenen Kinder sind. Davon sind einige schon größer, einige noch sehr klein, und ich bin seit zwanzig Jahren praktisch in meinem täg- Uchen Leben von Kindern umgeben. Das ist meine Freude, das ist meine Arbeit. AUes in einem.

Eine letzte Frage: Unterscheiden sich die Kinder der Welt?

Nein, das ist das Schönste, die Kinder sind gleich. Gott sei Dank.

Ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre schwere, aber wunderschöne Aufgabe.

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