Abschlußbericht enthüllt gravierende Behördenfehler

Das Chaos auf der Giftdeponie Münchehagen

dpa Hannover - Die Giftmüll-Deponie Münchehagen (Kreis Nienburg) ist jahrelang unter katastrophalen Bedingungen betrieben worden. Eine Sonderkommission des niedersächsischen Landeskriminalamts ("Soko 318 U"), die unter anderem alle sichergestellten Akten der früheren Betreiberfirma auswertete, zählt in ihrem Abschlußbericht gravierende Behördenfehler, Nichtbeachten gutachterlicher Warnungen, Versäumnisse bei der Eingangskontrolle und chaotische Verhältnisse bei der Einlagerung hochgiftigen Sondermülls auf.

Gefährdung des Grundwassers

Der Abschlußbericht der Soko wurde bereits am 25. November 1986 verfaßt und liegt Staatsanwaltschaft und Landesregierung in Hannover seit Monaten vor. Allerdings wird er bis jetzt unter Verschluß gehalten.

Für die zeitweise mit elf Kriminalbeamten, unter ihnen ein Chemiker des Landeskriminalamts, besetzte Soko besteht kein Zweifel mehr an den von der Deponie ausgehenden Umweltgefahren. Die Gefährdung des Grundwassers sei belegt. Der Betrieb der Sondermülldeponie hätte, wenn überhaupt, nur unter gänzlich anderen Voraussetzungen aufgenommen werden dürfen.

Die Beamten fanden unter den Geschäftsunterlagen der "Gesellschaft für Sondermüllbeseitigung" (GSM) unter anderem ein "hydrogeologisches Gutachten des Dr. Goldberg, Hannover" vom 13. Dezember 1971, das bereits fünf Jahre vor Beginn der Einlagerung in den Polder I der Neudeponie auf die Wasserdurchlässigkeit des Tongesteins hmwies.

Goldberg forderte damals, vor Beginn der Einlagerung eine reißfeste Plane einzuziehen und die Polder durch Schiebedächer vor Niederschlagswasser zu schützen. Diese Hinweise seien von den Genehmigungsbehörden nicht beachtet worden. Darin liege der Grund für spätere "erhebliche Wasserprobleme".

Den Behörden, namentlich dem Landkreis Nienburg, wirft die Kripo daher auch die Hauptversäumnisse vor. Der Austritt stark belasteter Flüssigkeiten aus dem Polder II in den Polder IV (an dieser Stelle war am 22. August 1985 die weltweit höchste jemals gemessene Konzentration von Seveso-Dioxin 2,3,7,8- TCDD ausgetreten) sei auf das Nichtbeachten der Goldberg-Forderung zurückzuführen.

Eigenartige Praktiken stellte die Kripo auch bei der Genehmigung der Einlagerungsanträge fest. Wollte eine Firma einen Giftstoff in der Deponie unterbringen, so geschah es nicht selten, daß sie selbst die Gift-Analyse erstellen ließ. Nach anderen Giften, die sich in dem Stoff hätten befinden können, wurde dann nicht mehr gesucht.

Die Eingangskontrolle des Giftmülls am Deponietor bezeichnet der Bericht als "besondere Schwachstelle". Es sei vorgekommen, daß Lkw- Fahrer Röhrchen für die Laborkontrolle am Tor abgegeben hätten; es sei aber nicht überprüft worden, ob Röhrcheninhalt und Inhalt der Giftfässer identisch gewesen seien.

Betreiber blieben ungeschoren

Die dann in die Deponie gelangten Stoffe seien nicht in der Art, die die entsprechende Genehmigungen verlangten, eingelagert worden. Die Kripo stellte Fotos sicher, die beweisen, daß hochbelastete und dioxinhaltige Abfälle der französischen Firma Rhone Poulanc im Oberflächenwasser abgestellt wurden. Wenn das Wasser zu hoch stieg, wurde es abgepumpt und "über den Vorfluter, die Weser und Kläranlagen entsorgt".

Die Behörden des Landkreises Nienburg haben, das weist der Abschlußbericht der Kripo aus, von den Verhältnissen auf der Deponie gewußt. In den sichergestellten GSM-Unterlagen finde sich "eine Vielzahl von Vermerken, Besprechungsprotokollen und Berichten, die eine Aussage darüber machen, daß auf der Sondermülldeponie Verstöße gegen die Plangenehmigung und den Betriebsplan vorgekommen sind". Doch "zu keiner Zeit auf irgendein Vorkommnis hin" sei eine "Sanktion seitens der Behörden gegenüber den Betreibern erfolgt".

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