"Pinochets Zeit läuft ab"

Vor einigen Wochen ist Isabel Allendes neues Buch "Von Liebe und Schatten" auf Deutsch erschienen. Im Rahmen der "Iberoamericana" las die chilenische Erfolgsautorin im Schauspielhaus eine bisher unveröffentlichte Erzählung. Abendblatt-Mitarbeiter Jens Glüsing sprach mit der Schriftstellerin.

Hamburger Abendblatt: Ihr neues Buch spielt im Chile der Gegenwart. Was war der Anstoß für diesen Roman ?

Isabel Allende: Im Jahr 1978 las ich in einer venezolanischen Zeitung die Notiz, daß man in Chile ein Grab mit 15 Toten gefunden hatte, darunter fünf Mitglleder einer einzigen Familie. Sie waren direkt nach dem Putsch 1973 umgebracht worden. Diese Nachricht hat mich so sehr erschüttert, daß ich begann, mehr Informationen über diesen Vorfall zu sammeln. Daraus wurde dann "Von Liebe und Schatten".

Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Journalistin bei der Arbeitgeholfen?

Ja. Ich glaube, jede Geschichte fordert ihre eigene Sprache. In diesem Fall war die Wahrheit hinter dem Roman so brutal, daß sie auf eine sehr unmittelbare, journalistische Art erzählt werden mußte. Das spricht den Leser direkter an.

Hat sich Ihr pohtisches Bewußtsein im Exil verändert?

Mein politisches Bewußtsein wandelte sich am 18.

September 1973, dem Tag des Putsches gegen die Regierung meines Onkels Salvador AUende. Aber ich gehöre keiner polltischen Partei an. Ich hoffe, daß ich irgendwann nach Chile zurückkehren kann. Die Zeit für Pinochet läuft ab; die Angst in der Bevölkerung schwindet. Es gibt Anzeichen, daß Teüe des Müitärs die Rückkehr zur Demokratie wünschen.

Fürchten Sie nicht, daß Sie sich in den 12 Jahren im venezolanischen Exil Ihrer Heimat entfremdet haben ?

Natürllch habe ich nach so vielen Jahren Angst, daß ich mich sehr verändert habe. Auch das Land, in das ich zurückkehren werde, hat sich sehr verändert. Vielleicht habe ich eine Vorstellung von Chüe, die mit der Realität nicht übereinstimmt. Ich brauche Zeit, um mich anzupassen, aber das macht nichts.

In Ihren Büchern sind es immer die Frauen, die einen besonderen Sinn für das Phantastische haben. Haben Frauen mehr Gespür für diese Seite des Lebens?

In allen armen Ländern gibt es einen Sinn für das Magische. Wo es keine Lösungen für die dringendsten Probleme gibt, tendieren die Menschen dazu, phantastische Erklärungen zu suchen. Die Frauen haben vielleicht mehr Gespür für das Magische, weü der Mann dazu erzogen wird, sich rational zu verhalten. Man kappt ihm die affektive Seite seines Wesens.

Ihr neues Buch ? Von Liebe und Schatten" hat in Deutschland zum Teil sehr schlechte Kritiken bekommen. Fühlen Sie sich von den Rezensionen gekränkt?

Die Reaktion des Publlkums auf mein Buch war sehr gut, vielleicht sogar noch besser als auf das "Geisterhaus". Kritiker haben mir vorgeworfen, ich hätte Liebe und Schrecken zu nah nebeneinander gestellt. Doch das ist meine Lebenserfahrung. In Chile kommen auf jeden Folterer tausend Menschen, die bereit sind, für einen anderen das Leben zu riskieren. Nur die Liebe kann die Menschen nach diesen Erfahrungen mit der Diktatur retten. Wir haben die schlimmsten Folterknechte, aber auch die größten Helden.

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