Anatoli Karpows langer Kampf um 446177,50 Dollar

rg Hamburg - Als Anatoli Karpow 1979 Hamburg besuchte, war sein Freund, der NDR-Fernseh-Redakteur Helmut Jungwirth stets an seiner Seite. Zusammen mit ihm pries er in einem Hamburger Kaufhaus einen gerade entwickelten Schach-Computer an, und dank Jungwirths Vermittlung verdiente Karpow mit dieser Werbung zwischen dem 13. Oktober 1978 und dem 17. Januar 1981 genau 446 177,50 Dollar (rund eine Million Mark). Weil aber der ehemalige Schach-Weltmeister behauptet, dieses Geld nie zu Gesicht bekommen zu haben, sahen sich gestern kurz nach 14 Uhr KP-Mitglied Karpow (35) und CDU-Mitglied Jungwirth (43) wieder. Vor dem Amtsgericht Hamburg-Mitte.

Richter Olof Masch hatte im Justizgebäude am Sieveking-Platz einen Haftprüfungstermin für Jungwirth anberaumt. Der Journalist war nach seiner Festnahme im November 1985 sechs Wochen später gegen eine Kaution von 90 000 Mark aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Karpows fast vierstündige Vernehmung brachte jedoch keine Klarheit. Sie soll heute fortgesetzt werden.

Die Affäre Karpow/Jungwirth war im Juli 1985 durch eine Strafanzeige des Karpow auch in Hamburg vertretenden West-Berliner Anwaltes Volker Christ ausgelöst worden. Danach ließ Jungwirth die Karpow-Honorare der Computer-Firma Novag (Sitz Hongkong), statt sie - wie verabredet - auf ein in New York oder San Franzisko einzurichtendes Bankkonto einzuzahlen, überwiegend auf sein Konto bei der Deutschen Bank in Hamburg überweisen. Karpow will seine Tantiemen aus dem Computer-Geschäft bis heute nicht erhalten haben.

Jungwirth behauptet dagegen, der Dollar-Transfer auf sein Konto sei auf Anweisung Karpows erfolgt. Das Geld will er dem damaligen Weltmeister, wenn der in Westeuropa Turniere spielte, bar ausgezahlt, für ihn angelegt oder in Geschenkartikeln, wertvollen Briefmarken oder Medikamenten übergeben haben.

Die Beweisführung wird für beide Seiten dadurch erschwert, daß über diese vertraulichen Geschäfte keine Bücher geführt wurden. Schließlich wollte Karpow, und deshalb schaltete er Jungwirth als Treuhänder ein, den sowjetischen Behörden seine Devisen- Einkünfte verschweigen. Den Preis, den er nun dafür zahlen muß, ist wahrscheinlich aber weit höher. Und selbst die erhoffte Simultanvorstellung konnte Anatoli Karpow während seiner Stippvisite in Hamburg nicht vermittelt werden.

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