Fünfzig Jahre im Thalia

Vor ein paar Tagen hat sie die erste Rede ihres Lebens gehalten. Es war eine Dankesrede, und Charlotte Schellenberg richtete sie an die Mitarbeiter des Thalia Theaters, die die 50jährige Zugehörigkeit ihres ältesten diensthabenden Ensemblemitglieds feierten. Sekt und Saft gab's, und die Laune war bestens.

Und doch passierte bei dieser Gelegenheit etwas, was die Schauspielerin in Erstaunen versetzte: "Plötzlich kamen junge Kollegen zu mir und stellten sich vor." Sie sagt das ohne jeden Groll, aber mit ein bißchen Wehmut. Denn das wäre in den zwanziger Jahren, als sie ihren Vertrag mit dem Thalia Theater schloß, undenkbar gewesen. Früher kannte jeder jeden am Theater. Aber: "Das Ensemble, das fast wie eine Familie war, gibt es heute eben nicht mehr."

Damals, vor 50 Jahren, schrieb der Dichter Wilhelm Hammond dies über die Charlotte Schellenberg: Appetitlich/ zart und niedüch/ steht sie da im Rampenlicht./ Schlank und zierlich, stets natürlich/ Zeigt sie uns ihr Kinds-Gesicht. Seitdem spielte sie sich von Jungmädchenrollen und Salondamen bis ins Charakterfach durch. Sie trat in sämtlichen Stücken von Curt Goetz auf, spielte in der deutschen Erstaufführung die Mutter der "Anne Frank" und war zu Gast im Fernsehen und Hörfunk.

Längst hat mittlerweile auch ihre Tochter Gaby Blum es in Hamburg zu Bühnen-Ehren gebracht. "Sie fragt mich um Rat, das hilft ihr anscheinend, jedenfalls würde sie es ja sonst nicht tun", sagt Charlotte Schellenberg, deren letzte Rolle die Martha in .Arsen und Spitzenhäubchen" war. Wenn es nach ihr ginge, würde sie ruhig etwas häufiger auftreten, "aber leider ist die Theaterlandschaft nicht sehr reich gesegnet an Rollen, die ich in meinem Alter noch spielen kann".

kny

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