Ein Abendblatt- Redakteur traf sein berühmtes "Motiv"

Wiedersehen an der Mauer nach 25 Jahren

Für Abendblatt-Fotoredakteur Peter Leibing war es ein kleiner Ausflug zur Thomas- Gottschalk-Show "Na, sowas ,Extra'!" in der Bremer Stadthalle. Conrad Schumann dagegen tat sich schwer, am Sonnabend im ZDF aufzutreten. Seit 25 Jahren lebt er in der Bundesrepublik, aber er hat immer noch Angst. Er meint, daß er als fahnenflüchtiger Volkspolizist nicht auf Verjährung rechnen kann.

Als er am 15. August 1961 als 19jähriger Volkspolizist über den Stacheldraht in den Westen sprang, drückte der damals 20jährige Peter Leibing auf den Auslöser und hatte das Foto seines Lebens im Kasten. Leibings BUd ging um die Welt, Conrad Schumann verkroch sich in einem bayerischen Dorf, wo er als Maschinenführer sein Geld verdient. Bei Thomas Gottschalk trafen sich der Fotograf und sein "Motiv" als frischgebackene Freunde. Nach 25 Jahren hatten sie sich vor wenigen Tagen in Berlin zum ersten Male wiedergesehen.

Conrad Schumann, der noch nie in Urlaub gefahren ist, konnte nur mit viel Mühe überredet werden, nach Berlin zu fliegen. Dort begegnete er seinem "Leibfotografen" erst einmal mit Abwehr. "Sie haben doch das gro- ße Geld mit meinem Foto gemacht", meinte er bitter. "Und ich habe keine Mark Honorar bekommen." Aber in diesem Punkt gibt es zwei Geprellte. Leibing war damals bei einer Hamburger Fotoagentur in der Ausbildung. Er hat für das Foto seines Lebens keinen Pfennig extra bekommen. Seitdem der Vorwurf ausgeräumt ist, sehen sie das Verbindende ihres Erlebnisses und sind Freunde geworden. H. S.

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