Keine Scheu davor, kitschig zu sein

Renate Anger ist keine Künstlerin, die nur ihr Inneres darstellen will. Mit 42 Jahren hat sie erkannt, daß eine sachliche Stütze dem Arbeitsergebnis zuträglicher ist. Etwas, an dem sie sich orientieren kann. Sie fand es im Material und in der Form. "Wie es in meiner Seele aussieht", sagt sie, "das kommt sowieso mit ins Bild, das brauche ich nicht erst zu machen."

Die in Danzig geborene Hamburgerin verschmilzt weich geformte Gipsteile oder Holzleisten mit bemalten Juteleinwänden zu einer Arbeit. ?Früher hatte ich immer eine Scheu, kitschig zu sein. Mittlerweile erlaube ich mir alles, was mir zu meinen Materialien einfäUt. (Galerie Kammer, Böhmersweg 9, bis 5. April) kny

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Als sie vor vier Jahren aus Polen nach Hamburg kam, malte Janina Musialczyk monatelang nur Landschaften, "weil die sich am besten verkaufen; denn von irgend etwas mußten wir ja leben". Heute kann sie die gefälligen Aquarell-Dekorationen hinter sich lassen, kann sich dem zuwenden, was sie bewegt: die Frau, die Erde, der Baum, der Wind, die Trauer, der Schmerz, die Einsamkeit, die Kraftlosigkeit.

"In meinen Bildern schlägt sich viel von dem nieder, was ich empfinde und denke", sagt die 1943 in Krasnik geborene Künstlerin. Es sind vor allem resignative, depressive Stimmungen und Gedanken. In farblich sensibel gestalteten Aquarellen, oft mit der Feder hineinzeichnend, verarbeitet sie ihre anfangs starke Isolation im Westen, die soweit ging, daß sie sich zunächst weigerte, überhaupt die deutsche Sprache zu erlernen, das Heimweh, die Angst vor der Zukunft.

Janina Musialczyks Arbeiten, darunter auch zart bemalte Seidentücher, sind bis Ende April in der Hamburger Sparkasse (Spitalerstr. 4) zu sehen. rera.

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