Jede Menge Manöver für die Beobachter aus dem Osten

Durch das Land der "Triefenden Sachsen" geistern böse Gerüchte

Von Günter Stiller

Kein Sekt, kein Wodka, aber jede Menge Manöver - Sowjet-Generalmajor Konstantin Tscherjomuchin (54), ranghöchster Beobachter des Warschauer Paktes beim Bundeswehr-Herbstmanöver "Trutzige Sachsen", kann hochzufrieden sein. Er bekommt alles zu sehen, was er sehen will.

Ein Tscherjomuchin-Kollege, ein Oberst der Bundeswehr, der vor sechs Jahren und zum letzten Mal als Manövergast in die UdSSR eingeladen worden war, hatte ganz andere Erfahrungen gemacht: "Viel Folklore mit hübschen Mädchen und viel Krimsekt, das Sowjet-Manöver aber durften wir nur einmal durch Operngläser beobachten. Richtige Ferngläser bekamen wir nicht."

Die Bundeswehr leidet, so scheint es, weder an Geheimniskrämerei noch an Spionen- Furcht. In zwei Riesenhubschraubern vom Typ CH-53 bringt sie 27 internationale Manöverbeobachter, die aufgrund der KSZE-Abmachungen von Helsinki eingeladen wurden, über das Manöver- Schlachtfeld. Wann und wo

die "Experten" auch runterwollen - es wird auf jedem Acker gelandet.

"Die Russen sollen sehen, was wir haben. Dies gehört durchaus zu unseren Maßnahmen der Abschreckung", sagte ein hoher deutscher Offizier.

Der Ostblock ist viermal vertreten: Generalmajor Tscherjomuchin im ärmellosen Regenmantel (die "Trutzigen Sachsen" heißen mittlerweüe "Triefende Sachsen"), begleitet von einem wortlosen Kapitän Bobrov, der mit Röntgenaugen jedes Waffensystem taxiert. Die CSSR hat Oberst Zdenek Knapek ("Alles schon mal gesehen!") und einen Oberstleutnant geschickt.

Der unnahbare Sowjet-General war beim Eibübergang bei Wedel dabei und - das paßt gut! - auch beim Vorstoß des Manöverfeindes "Rot" bei Scheeßel. Dort schreckte er den Richtschützen eines Raketenjagdpanzers "Jaguar" mit der gefähriichen Frage hoch: "Wie funktioniert Ihre HOT-Rakete eigentllch: per Draht oder elektronisch?" Der Hauptgefreite sah die roten Sterne, bekam eine rote Birne und versank in Sprachlosigkeit. "Na, nun antworten Sie schon!" half ihm ein Bundeswehrobrist auf die Sprünge. "Per Draht, Herr General", stotterte der Richtschütze gehorsam.

Hat der rote General gesehen, was er sehen wül? "In diesem Land gibt es jeden Tag Neues zu sehen", zog er sich diplomatisch aus der Schhnge, über eine präzise Manöverkarte gebeugt, die ihm die Bundeswehr höflich überreicht hatte.

Auf Spähfahrt sind auch die berühmt-berüchtigten Opel "Rekord" der sowjetischen MUitär-Mission (SMM). Diesmal schlagen ihre Insassen allerdings nicht, wie sonst üb- Uch, über die Stränge: "Sie hielten sich bisher betont den Sperrzonen fern", hört man von der Manövertruppe. Dafür geistern böse Gerüchte durch das Land der "Triefenden Sachsen": Als Binnenschiffe getarnte rote Spionageboote sollen die Wasserund Luftübungen an der Weser und andere Manöver-Höhepunkte "mitgeschnitten" haben. Die Bundeswehr wird's überleben.

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