Hein Timm, Hamburgs Volkskünstler, starb mit 76 Jahren

Herztod auf der Bühne

Gewünscht hatte er sich's eigentlich immer. Auf der Bühne wollte Hein Timm, der Vollblut- Kunstler, von seinem Publikum Abschied nehmen. In Norderstedt, wo er 450 Besucher eines Abendblatt-Konzertes gerade mit dem Titel "Es kann regnen, bei mir scheint immer die Sonne" fröhlich gestimmt hatte, erlitt der 76jährige gestern nachmittag einen Herzinfarkt. Er starb in den Armen seiner Lebensgefährtin, der Volkssängerin Gundi Hein.

Zwei Minuten später brach er zusammen

Hamburg nat gestern einen seiner großen und letzten Volkskünstler verloren. Hein Timm war ein Stück Hamburg, ein Mann des Hafens, der Seefahrt, des Plattdeutschen. Schlappe Prinz- Heinrich-Mütze (ohne Draht und Fasson), dunkelblauer Blazer und die Hose mit dem 40er Schlag - der Mann mit dem maritimen "Immätsch" brauchte nur einmal den Bauch zu heben, schon hatte er das Publikum in seinem Bann.

Volkssänger haben die Leute ihn einfach genannt, wenn sie nicht wußten, wer Hein Timm war, und was er alles konnte. Für einen AUround-Profi der leichten Muse war dies eine

Schmalspur- Vokabel. Hein Timm war Komponist, Texter, Sänger, Erzähler, Entertainer. Bis zuletzt war sein Platz am Klavier, wo ihm immer neue Melodien einfielen. Einer der unvergessenen Titel: "In der Haifischbar . . ."

Zwei seiner Songs widmete er dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt: "Die blaue Mütze" und den "Barmbeker Tango" . Mehr als 300 Titel sind von ihm, fast alle sind auf Schallplatten erschienen. Dabei hatte der gebürtige Eppendorfer, der sich sein verschmitztes Lächeln mit dem berühmten Augenzwinkern bewahrte, einen ?ganz

Seine Freunde erinnern sich

Addi Albershardt, Leiter der Finkwarder Speeldeel: "Sein Tod erschüttert mich. Noch am Freitag habe ich Hein Timm auf der Bühne beim WUstorfer Schützenfest in Harburg gesehen. Da war er außergewöhnüch gut. Ich habe noch seine Frau Gundi gefragt, ob sie noch so tingeln müssen. Sie antwortete nur, wenn er nicht mehr auftreten könne, würde er sterben. Er war ein interessierter, begabter Mensch, der äu- ßerst fleißig gearbeit hat. "

Kurt Grobecker, Chef des NDR-Hafenkonzerts: ?Hein Timm gehörte zu den ständigen Künstlern beim Hafenkonzert. Seit ehrbaren Beruf erlernt. Er wurde Speditionskaufmann im väterllchen Geschäft und kutschierte jahrelang Pferd und Wagen über das holperige Hamburger Pflaster.

Im Jahre 1932 stieg Hein Timm vom Kutschbock um auf einen Stuhl im Konservatorium und studierte das Fach Oper/Operette. Hätten Sie's gewußt? Im Frack stand er später auf der Bühne und sang "Heimat, deine Sterne ..." Er stellte sich bald auf "He, Barbariba" um, sang bei Bertram in der Mönckebergstraße, im "Haus Vaterland", im "Reichshof" und "Remdes St. Paull" auf dem Berllner Kurfürstendamm. Im Jahre 1951 hatte er ein Engagement in Zürich, in jenem Lokal, in dem Lys Assia mit "Oh, mein Papa" weltberühmt wurde.

Zwei Herzinfarkte, schwer zuckerkrank und längst in einem Alter, in dem man sich zur Ruhe setzt: Hein Timm brauchte die Bühne,' das Publikum, Ueß seine Spaße und Weisheiten, Narrheiten und Wahrheiten vom Stapel Kaum eine Woche verging, in der er nicht komponierte und sang. Ein Lied auf die Stadt Norderstedt, seinen letzten Titel, wollte er gestern vortragen. Die Noten sind zum Vermächtnis geworden.

"Die Propheten der leichten Muse scheinen in Hamburg nicht viel zu gelten", sagte Hein Timm einmal, "sonst läge der Hans-Albers-Platz nicht dort, wo die Liebesdienerinnen am büUgsten sind." Er hat es besser. Die Großgemeinde Henstedt-Ulzburg, wo Hein Timm und Gundi Hein zuletzt lebten, gab dem Quellenweg, der - nur einen guten Steinwurf von Hein Timms Haus entfernt - zur Alsterquelle führt, im vergangenen Jahr einen neuen Namen. Er heißt jetzt Hein-Timm- Weg. HORST WISSER Kriegsende war er dabei. Er hatte eine norddeutsche Art, die gut beim Publlkum ankam. Er ging auf die Leute zu. Er war einer der beliebtesten Künstler."

Dr. Karl-Ludwig Mönckemeier, Hafendirektor: "Mich trifft sein Tod sehr. Hein Timm war ein echter Hamburger. Sem Humor kam immer an. Sein Tod ist ein großer Verlust für Hamburg."

Heinz Köllisch, Volkssänger und Ex-Brauereidirektor: "Die Nachricht vom Tod von Hein Timm berührt mich zutiefst. Dazu möchte ich im Augenbllck nichts sagen."

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.