Zwei Landschafts-Ausstellungen in Hamburg

Ein Bogen zwischen Kunst und Politik

"Das wirkliche Leben kennt nicht die Abgrenzung der Ställe: Hier die Kunst, dort die Gesellschaft und die Politik." Dieses Wort von Willy Brandt hätte Leitmotiv sein können für die Ausstellung "Europäische Ansichten". Denn diese 105. Ausstellung im BATIG-Haus (Esplanade 39) soll im Zeichen des Europajahres 1984 den Bogen schlagen zwischen Kunst und Politik, wobei die "Kunst nicht als Dienerin der Politik" verkommen sollte, wie es der Mitgestalter der Ausstellung, Dr. Helmut R. Leppien von der Kunsthalle, formuliert hat.

Das Experiment "Kunst im politischen Rahmen" ist ein Wagnis. Aber da von den 50 Künstlern aus den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und den beiden zukünftigen Mitgliedern Spanien und Portugal die meisten mit hochkarätigen Werken vertreten sind, konnte eigentlich nichts schiefgehen; auch wenn ein Picasso nicht zu bekommen war.

"Städte und Landschaften in Bildern von 1945 bis heute aus den Ländern der EG" unter diesem Untertitel sind Künstler von Asmuss bis Zimmer vereint. So hängt Max Beckmanns "Flughafen in Amsterdam" (1945) nur ein paar Schritte entfernt von Christos "Der Reichstag verhüllt" (1981). Ein Projekt, das bisher nur auf dem Papier existiert. Berlin ist weiter von K. H. Hödicke mit seinem "Martin-Gropius-Bau ehem. Kunstgewerbemuseum" (1976), Kokoschkas "Berlin - 13. August 1966" und Werner Heldts "Berlin" (1953) repräsentiert.

Aus Großbritannien darf Gerd Winner nicht fehlen: Sein "St. John's Wharf" bricht eine Lanze für die herbe Schönheit von Industriearchitektur. Hundertwasser betitelt sein in üblicher farbenprächtiger Manier entstandenes Italien-Bild "Schiffbruch - der Untergang Venedigs" (1964). Erich Heckel ist sowohl mit seiner "Dünenlandschaft" von 1949 vertreten wie mit dem ein Jahr zuvor entstandenen "Vorfrühling am See".

Um neue Strömungen in der bildenden Kunst nicht zu vernachlässigen, finden sich in der Ausstellung auch Fotosequenzen. Jochen Gerz hat Paris "An einem Sonntag ..." porträtiert, Ger Dekkers zerlegte eine "Ansteigende Straße" (1976).

Alles in allem: Keine Ausstellung, die man im Laufschritt absolvieren kann, (bis 23. November, Montag 10 - 20, Dienstag - Freitag 10 - 18 Uhr; Katalog 8 DM),

lau

In der katholischen Akademie am Herrengraben wurde es feierlich: Günter Jena spielte auf dem Cembalo aus dem "Wohltemperierten Klavier" von Johann Sebastian Bach, und festlich gekleidete Damen und Herren boten Wein und Käse an. Der Anlaß: die Ausstellung "Gestaltete Landschaft" der beiden polnischen Künstler Janina Musialczyk und Edward Bober.

Janina Musialczyk, von 1967 bis 1981 Leiterin des Ateliers für Bildende Künste im Jugendpalast Lodz, stellt 44 Aquarelle und Zeichnungen vor. Die Aquarelle zeigen windverwehte Bäume in geschickt kombinierten zarten Farben mit eindrucksvoll bewegten Motiven. "Die Zeichnungen sind aber wichtiger für mich", sagt die Künstlerin. "Mit ihnen möchte ich die Loslösung von der Abhängigkeit ausdrücken."

Janina Musialczyks Mittel, diese Befreiung darzustellen, sind häufig Frauenkörper als Bestandteil und Struktur der Erdoberfläche. Nach oben hin öffnen sich ihre Figuren, bewegen sich weg von der fesselnden Erde, als ob sie zum Fliegen anzsetzten oder schwerelos würden.

Edward Bober, ehemaliger Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst in Danzig, präsentiert 24 seiner Arbeiten. Seine Ölbilder, beherrscht von langgestreckten, geometrischen, häufig gegeneinanderkippenden Figuren, erinnern an amerikanische Wolkenkratzer-Viertel. Dazwischen schlängeln sich abgestorbene Äste, aber auch vereinzelt junge Triebe als Symbole neuen Lebens. Seine Bleistiftzeichnungen, zusammengesetzt aus tausenden von winzigen Strichen, zeigen entweder Häusergruppen oder Räume mit Gegenständen, die durch die naturalistische Darstellung immer neugieriger machen und dazu reizen, noch genauer hinzugucken.

"Ich will mit meinen Bildern das Vergängliche ausdrücken", sagt Bober, "das Sterben und das Wiedergeborenwerden. Und vor allem: die Stille." (bis 21. Oktober, werktags 9-18 Uhr. Katholische Akademie, Herrengraben 4). kny

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.