Es geht um 100 Millionen:Viele Unklarheiten im Testament

Erbstreit im Hause Fugger

Von Peter Richter

dpa Memmingen - Vor dem Hintergrund der Frage, wer ist der rechtmäßige Besitzer eines auf 100 MUUonen Mark geschätzten Vermögens, blättern vor dem Landgericht Memmingen die Richter der Zweiten Zivllkammer in der Famiüenchronik des Hauses Fugger. In dem Erbschaftsstreit, der in der Geschichte des einst weltweit größten Handelshauses einmalig ist stehen sich zwei Brüder gegenüber Als Kläger bestreitet der 52jährige Karl Graf Arco- Zinneberg seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Albert Graf Fugger von Glött die Rechtmäßigkeit des längst angetretenen Erbes.

Albert residiert heute in dem als kunsthistorisches Kleinod geltenden Schloß Kirchheim im Unterallgäu. Von dort aus verwaltet er auch als Seniorratsvorsitzender für die anderen beiden noch existierenden Fugger- Linien Babenhausen und Kirchberg das Vermögen der Fuggerschen Stiftungen. Sein Bruder Karl arbeitet für eine Stuttgarter Automobüfirma.

Die Kammer versucht "den wahren Wüten" des Testamentsverfassers zu ergründen. "Unstreitig" ist wie der Vorsitzende Wilfried Hüttl feststellte, daß sich der 1940 verstorbene Fürst Carl Fugger von Glött bei Abfassung seines letzten Wülens leider "nicht klar" ausgedrückt hat. Obwohl er Jurist gewesen war, ebenso wie sein Domänenverwalter, der ihm den Entwurf für das Testament geschrieben hatte. AUerdings hatte er nur das Erste Juristische Staatsexamen gemacht

Die Vorgeschichte des Erbstreits reicht zurück bis in die Zeit des Grafen Carl Ernst Fugger von Glött, der 1913 unter anderem wegen seiner Verdienste um das Haus Witteisbach - das damals mit Ludwig HJ.. den

letzten bayerischen König stellte - aber auch seiner Tätigkeit als Präsident der Reichsrätekammer wegen "gefürstet" wurde. Der Fürst hatte drei Kinder. Eme unverheiratete Tochter, emen Stammhalter, dessen Ehe kinderlos blieb, und eine Tochter, die mit Graf Arco- Zinneberg zwei Kinder hatte - eben die Grafen Karl und Albert

Als der Chef des Hauses Fugger sein Testament ün Jahre 1939 schrieb, war die Ehe seines zum damaligen Zeitpunkt 44 Jahre alten, einzigen Sohnes Josef-Ernst nach mehr als 20jähriger Ehe noch immer kinderlos. Er sah deshalb allen Grund, Vorsorge zu treffen, damit das Fuggersche Vermögen nicht eines Tages zerschlagen werde und die Tradition der großen Kauf mannsdynastie auch weiter gewahrt büeb. Die Tochter Maria des Fürsten war mit einem Grafen Ferdinand Arco-Zinneberg verheiratet die ihm die zwei, jetzt vor Gericht streitenden Enkel Karl und Albert gebar.

Der heute in Stuttgart lebende Graf Karl Arco-Zinneberg sah sich erstmals 1981 veranlaßt, nach dem Testament zu forschen, als Fürst Josef-Ernst Fugger von Glött 85jährig starb. Bis zu semem Tode war er tatsächllch, wie von seinem Vater vorausgesehen, ohne leibüche Nachkommen gebüeben. Im rechtiichen Sinne starb er jedoch nicht kinderlos, da er 1961 den jüngeren der beiden Arco-Brüder, Albert, adoptiert hatte und zu seinem Erben einsetzte. Damit ignorierte er aber mögllcherweise das testamentarische Vermächtnis seines Vaters.

In den Akten des Memminger Nachlaßgerichts stand unter Paragraph 2 des am 6. Januar 1939 geschriebenen Testaments: "Falls mein Sohn Josef-Ernst kinderlos versterben oder aus irgend einem Grunde als Erbe im Sinne des Paragraphen 1 ausscheiden sollte, setze ich... meinen Enkel Karl Arco, und wenn dieser versterben sollte, seinen Bruder Albert Magnus als Nacherben ein." Das Gericht steht jetzt vor dem Problem herauszufinden, ob Fürst Karl die Erbreihenfolge damals genau festgelegt wissen wollte - wie die Klägerseite meint - oder nur "Ersatzerben" bestimmte, falls sein Sohn ohne testamentarisches Vermächtnis unvorhergesehen sterben sollte. Eme Rechtsauffassung, die der jetzige Chef des Hauses Fugger favorisiert.

Warum sem Onkel Josef- Ernst ihm als den jüngeren der Brüder den Vorzug gab, ihn später auch adoptierte und dann zum Alleinerben machte, begründete Albert vor Gericht "ganz offen" damit, der Fürst habe ihn, da er VoÜjurist war, "für den geeigneteren Mann gehalten". Wo er arbeite, sei er "auch nicht der letzte Äff", konterte daraufhin erregt sein Bruder. Die Richter sollen auch klären, ob der 80jährige Fürst Carl damals, im Jahre 1939, auch schon an die Mög- Uchkeit der Adoption dachte, als er "kinderlos" in sein Testament schrieb. Nach traditionellem Denken könnte er, so die Kammer, nur die leib- Uchen Nachkommen gemeint haben.

Bevor die Memminger Richter die Famiüenchronik weiter aufblättern und auch die Fuggerschen "Hausgesetze" studieren, müssen sich beide Seiten erst über die Erstattung der bisher angelaufenen Prozeßkosten einigen. Die Anwälte des Hauses Fugger lehnten es ab, sich zurSache zu äußern, solange nicht die aus gewonnenen Prozessen entstandenen Kosten von 490 000 Mark bezahlt sind. "Der Kläger ist auch irgendwo ein Fugger, der nicht zahlt wenn er nicht muß", sagte der Kammervorsitzende.

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