Versammlung Eines Ehrtaren Kaufmanns

"Eine Frage der Atmosphäre!"

pü. Hamburg - Ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft in der Hansestadt hat der Präses der Hamburger Handelskammer, Carl- Heinz IUies, gehalten. "Wenn wir Unternehmen aller Wirtschaftszweige hier behalten und aus dem In- und Ausland nach Hamburg ziehen wollen, dann müssen wir ihnen vor allem im Behörden- und Geschäftsalltag das Gefühl vermitteln, daß sie nicht nur geduldet, sondern daß sie hier willkommen sind und zu uns gehören," sagte IUies am Freitag vor der "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg".

"Europa darf nicht durch seine Kühe auf den Hund kommen. Wenn wir die EG nicht hätten, würden wir sie heute nicht mehr bekommen, und schon deswegen müssen wir alles tun, um sie zu erhalten."

Vielfach gebe es den Eindruck, daß nicht ein Weniger, sondern ein Mehr an Staat, an Eingriffen und Regulierungen mit der Poütik und Konzepten des Senats für die Zukunft Hamburgs verbunden sein könnte. Wenn Hamburg aber seine alte Position und Stärke zurückgewinnen woüe, "brauchen wir nicht noch mehr Staat, sondern das Gegenteü davon."

Trotz der deutlichen wirtschaftlichen Erholung in der Bundesrepubük sei die konjunkturelle Entwicklung in Hamburg 1983 kaum spürbar besser gewesen als 1982, sagte IUies. In einigen Bereichen habe Hamburg sogar wesentüch schlechter als ün Vorjahr oder zumindest schlechter als im Bundesdurchschnitt abgeschnitten. Dazu gehörten die Bauwirtschaft, der Außenhandel, der Hafen und "leider auch der Arbeitsmarkt". Um so wichtiger sei es, gerade der Industrie Bedingungen zu erhalten oder einzuräumen, unter denen sie sich entwickeln könne.

Dieser Wirtschaftszweig als größter Arbeitgeber habe in den Vorjahren besonders viele Arbeitsplätze verloren. IUies: "Schon deshalb müssen wir dafür sorgen, daß Hamburgs Industrie wettbewerbsfähig bleibt. Das ist für mich nicht nur eine Frage des Rechenstifts, sondern auch der politischen Atmosphäre." So dürfe etwa der Umweltschutz nicht zu Lasten der Industrie "über das gebotene Maß hinaus getrieben" werden, müßten neue Gewerbeflächen bereitgesteüt werden.

Zu den Bereichen, in denen Hamburg selber etwas bewegen könne, gehörten gerade auch die neuen Medien und neuen Kommunikationstechniken, sagte der Kammer-Präses. "Leider steht fest, daß die medienpolitische Uhr in Hamburg mittlerweüe eher fünf Minuten nach als vor zwölf anzeigt". IUies forderte den Senat auf, die Entscheidungen zum Ausbau des "Medien- und Kommunikationsplatzes Hamburg" schnell zu treffen. Dazu gehöre die aktive Unterstützung der Breitband-Verkabelung ebenso wie die rasche Verabschiedung eines Hamburger Landesrundfunk-Gesetzes, "das attraktive Bedingungen für private Programmträger für Rundfunk und Fernsehen schafft".

Zugleich rief der Kammer- Präses dazu auf, die Zusammenarbeit Hamburgs vor aüem mit dem Bund - etwa in der For-

"Viele Firmen scheuen sich, mehr zu unternehmen, um sich nicht zu übernehmen. Aber Voraussicht sollte nicht mit übertriebener Vorsicht verwechselt werden."

schungs- oder Verkehrspoütik zu verstärken. Dabei könne die Hansestadt ihren "Einfluß desto besser geltend machen, je mehr sie gemeinsam mit den anderen drei Küstenländern handelt". Er woüe den Schwarzen Peter aber nicht allein dem Staat und der Politik zuschieben. Motor jeden Aufschwungs müsse die Wirtschaft sein. IUies: "Wir Unternehmer sollten aües vermeiden, was uns dem Verdacht aussetzt, wir mißbrauchten schlechte Rahmenbedingungen als Vorwand für mangelnde Initiative."