fechiitz kontroversEin Interview von Michael Schweer

Aber passiert so etwas wirklich?

Mit großen Augen sieht Kater "Bubu", der schwarze Passauer, in die feindliche Welt. Ein Amtsrichter hat ihm den Ausgang gesperrt, um das Grundstück eines entfernten Nachbarn künftig katzenfrei zu halten, und über der Bundesrepublik erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Dem bayrischen Juristen wird mangelnde Tierliebe bescheinigt. "Bubu" und sein Auslauf seien zu schützen. So ist der Tierschutz wieder einmal ins Gespräch gekommen. Doch ins Gerede kam er bisher kaum. Dabei gäbe es manche kritische Frage an die klassischen Tierschützer zu stellen. Reicht es heute wirklich aus, sich um das Wohl von Hunden und Katzen zu bemühen? Oder muß Tierschutz '83 nicht mehr sein? Muß er nicht vielmehr Lebensräume erhalten, wie etwa das Watt, die Heimat des Seehundes, oder das Moor? Fragen, die JOURNAL an den renommierten Seevogel- Schutzbund "Verein Jordsand" richtete. Gesprächspartner waren Dr. Gottfried Vauk, der 1 . Vorsitzende und Co-Autor des Buches "Seevögel - Opfer der Ölpest", und Uwe Schneider, der Geschäftsführer.

JOURNAL: Ist traditioneller Tierschutz überhaupt noch zeitgemäß?

Verein Jordsand: Man kann diese Frage nicht mit einem klaren "Nein" beantworten. Aber so viel dazu: Als sich der Verein Jordsand 1907 gründete, war er ein reiner Seevogel-Schutzverein. Da ging es vor allem um die Piepmätze - und weniger um den Grashalm oder den Wattwurm, den ein Vogel ja fressen muß. Bald dachte man bei uns aber schon so: Man kann eine Art nur schützen, wenn man ihren Lebensraum erhält. Der Verein kaufte deshalb bereits damals eine ganze Insel, die Hallig Norderoog. Das, denken wir, ist zeitgemäßer Vogelschutz. Im Tierschutz sollte man solche Gedanken heute auch aufgreifen.

Soll denn der klassische Tierschutzverein die Hunde- und Katzenpflege aufgeben?

Sicher nicht. Aber was da geschieht, ist zum Teil abzulehnen. Etwa wenn, wie es gelegentlich geschieht, Tiere allzusehr vermenschlicht werden. Da wird dann vom armen Struppi erzählt, vom bedauernswerten Kater Felix. Das artet oft in reine Gefühlsduselei aus. Viel wichtiger wäre es, daß solche meist ja finanzstarke Organisationen dafür sorgen, daß Haustiere artgemäßer gehalten und versorgt werden können.

Und wie?

Sie sollten sich zum Beispiel darum kümmern, daß weniger Katzen und Hunde geboren werden. Dann hätten wir auch weniger Streuner. Sie glauben gar nicht, wieviel Schaden halbverwilderte Hunde und Katzen in unseren Schutzgebieten anrichten.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang eigentlich von dem Pas sauer Katzenurteil? Der Richter hat richtig gehandelt. Hier leidet ein Kater unter seinem Herrn. Denn der scheint nicht in der Lage zu sein, sein Tier konsequent richtig zu halten. Ein Kater, der seinen täglichen Auslauf über etliche Grundstücke wählt, muß nicht sein. In der freien Natur ist das ganz klar geregelt. Dort dürfen Katzen, die sich mehr als 200 Meter von der nächsten menschlichen Behausung entfernen, erschossen werden.

Grundsätzlich meinen Sie also, man solle sich weniger emotional, dafür mehr rational gegen- über Tieren verhalten?

Ja. Ein gutes Beispiel dafür hat uns die Ölpest auf der Nordsee geliefert. Da erschienen am Strand von Sylt laienhafte Tierfreunde, sammelten verklebte Lummen und Taucher ein und bettelten dann für diese Tiere auch noch um Geld. Dabei haben die ölverschmierten Vögel auch nach einer chemischen und übrigens höchst unangenehmen. Badekur kaum eine Überlebenschance. Da taucht doch die Frage auf, ob das nicht schon Tierquälerei ist. Wir sind jedenfalls froh, daß im Januar in einer Resolution von allen bedeutenden norddeutschen Naturschutz-, Tierschutz- und Jagdverbänden zum Problem der Ölpest Stellung genommen wurde. Und da steht ganz klar, daß die Seevogel-Reinigung sehr wohl eine humanitäre Aufgabe sein kann und damit eine Sache des Tierschutzes wäre. Aber in jedem Fall muß und das steht da auch - gewährleistet sein, daß dabei Fachleute im Einsatz sind. Man muß sich allerdings darüber klar sein, daß für die wüdlebenden Vogelarten die wenigen zu rettenden Tiere keine Bedeutung haben.

Aber was machen Sie denn, wenn Ihnen so ein veröltes oder verletztes Tier gebracht wird? Wenn uns etwa auf Sylt eine Möwe gebracht wird, die in eine Stromleitung geflogen ist und sich beide Flügel gebrochen hat und wir wissen, das Tier wird nie wieder fliegen können, dann töten wir es schmerzlos und versuchen nicht etwa, es aufzupäppeln, um am Ende dann vielleicht Mitleid mit ihm zu erregen.

Warum sollte man das denn tun?

Um Spenden einzuwerben - also gewissermaßen zu Werbezwecken.

Aber passiert so etwas wirklich?

Auf Sylt sah es im letzten Winter doch so ähnhch aus. Natürllch fließen die Spenden reiclüich, wenn man sich mit feuchten Augen und verletzten Tieren in der Öffentiichkeit zeigt. Oft kommen solche Leute dann ja auch mit einem Foto und der Spendenkontonummer dazu in die Zeitung. Es wäre gut, wenn mancher Spender wüßte, auf welche Weise seine Spargroschen ziemlich sinnlos wieder ausgegeben werden. Wir jedenfalls würden mit einem halbtoten Vogel keine Reklame machen . . . Unsere Kontonummern* druckt aber auch keiner. Dabei wäre das Geld beim Naturschutz sicher besser untergebracht.

Also ist Geld für Ihre Arbeit auch wichtig, Sie

sagen demnach tu Spenden auch nicht "nein"?

Sicher nicht, nur dürfen die Sammelmethoden nicht fragwürdig sein. Wir meinen im übrigen grundsätzüch, daß die Aufgabenpalette einer Tier- oder Naturschutzorganisation sich an der Höhe des Kontostandes orientieren sollte. Wer reich ist, sollte nicht nur Hunde und Katzen pflegen. Der Schutz von ganzen Lebensräumen ist sicher wichtiger. Warum zum Beispiel bauen die Tierschutzvereine nicht noch mehr Wüdschutzzäune oder Krötentunnel?

Ja, warum denn eigentlich nicht?

Vielleicht, weü man damit bei vielen Bürgern noch immer wenig Staat machen kann. Deshalb kümmert sich diese Gruppe von Tierschützern ja auch nicht um die Kreaturen, die tagtägllch auf unseren Straßen verletzt werden. Was meinen Sie, wie schrecküch das ist, wenn so einem armen Viech ein Mehrtonner über die Beine rollt, und hinterher ist keiner da und hüft? Aber wer dagegen aufsteht, hat natürllch die Masse der Autofahrer gleich gegen sich. Es gibt noch viele derartige Probleme, die den Einsatz lohnten. Denken Sie doch mal an die Angler. Wenn die einen Fisch aus dem Wasser ziehen und finden, er sei zu klein, werfen sie ihn wieder zurück. Oft auch, wenn er das Maul zur Hälfte zerrissen hat. Nur schreien die ja nicht, diese Fische. Und deshalb haben sie keine Lobby.

Also treten Sie für einen Tierschutz ein, der dem Publikum nicht so ohne weiteres erklart werden kann?

Nein, das nun auch wieder nicht. Nur muß man sich um die Natur in ihrer Gesamtheit kümmern.

Wie treten Sie denn dann in die Öffentlichkeit?

Kompromißlos. Wir versuchen jetzt zum Beispiel mit HUfe der Kurverwaltungen die vielen Besucher aus den am meisten gefährdeten Schutzzonen zurückzudrängen. Da ist nämllch etwas Fatales geschehen. Seit der allgemeinen Naturschutzwelle hat auch der Tourismus sein Interesse an unserer Arbeit entdeckt. Natür- Uch denkt mancher Manager dabei weniger an den Naturschutz und mehr an die Touristenbeschäftigung. Und so schickt er uns immer neue Leute in die Brutgebiete. Dort werden dann Gelege zertreten und Vögel verscheucht. Wir können da nicht tatenlos zusehen.

Solche Publikumsverscheuchung erwarten Sie aber wohl auch von anderen?

Ja, sicher. Sehen Sie mal, seit Jahren steigt die Zahl der mutterlosen Heuler im Wattenmeer. Und wissen Sie, woher das kommt? Von den Touristen und den Unvernünftigen unter den Bootsfahrern. Von jedem zweiten Steg an der Küste wird heute doch mehrmals am Tag zu den Seehundsbänken geschippert. Mög- Uchst nahe heran, damit auch der letzte Passagier mit seiner Billig-Kamera noch ein schlechtes Foto schießen kann. Die Muttertiere fliehen natürllch, bleiben oft mehr als eine Stunde fort. Und der Nachwuchs robbt dann ins Meer, treibt womöglich mit dem Flutstrom ab und findet seine Mutter niemals wieder. Solange wir solche und ähnliche Probleme haben, reicht es nicht aus, wenn sich Tierschützer vor allem darum kümmern, daß sie mit einem gut eingerichteten Struppi-Wagen im Einsatz sind.

* JOURNAL druckt hier

doch die Kontonummern des Vereins Jordsand: Deutsche Bank (BLZ 200 700 00) Konto-Nr. 08 22 973 und Postscheckkonto Hamburg (BLZ 200 100 20) Konto-Nr. 36 78 - 207.

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