Karl Heinz Wocker (London) über Denis Thatcher (Downing Street 10

Hausmann mit feiner Adresse

Als erstes mußte das Nummernschild aus dem Verkehr gezogen werden. DT 3 - mit einem solchen Kennzeichen fällt man auf in einer Autolandschaft, in der gewöhnliche Sterbliche mit Kombinationen wie AKR 465 X oder OHV 941 R umherfahren. DT 3 ist ein Nummernschild aus den Anfängen des jetzigen Registriersystems, dergleichen wird in Anzeigen zu kaufen gesucht. Nach so etwas dreht man sich um auf der Straße, und genau das wollten die Sicherheitsbeamten verhindern. Es müsse nicht gleich jeder wissen, daß da der Rolls- Royce von Denis Thatcher parke, dem Ehemann der Premierministerin.

Den Polizisten auf dem Fuße folgten die Image-Berater. Es sei vielleicht nicht gut, fanden sie, wenn man Mister Thatcher allzuoft in diesem Prestigegefährt sehe. Zum Beispiel bei der Einweihung eines Altenheims mache sich einer der kleineren Wagen im Besitze des PM-Gemahls doch besser. Der Rolls wurde zeitweilig eingemottet.

Der nächste Ärger, der sich aus dem Amt seiner Frau ergab - sie begann es am 4. Mai 1979 -, war der Umzug aus einem bequemen Mittelklasse-Haus in Chelsea in die nicht allzu gemütlichen Räume von Downing Street 10. Dort lebt das Paar nun ein Stockwerk über Maggies Arbeitsräumen, und noch eines höher hat Denis sein kleines Studio, einer der wenigen Millionäre, die unterm Dache hausen.

Er steht nicht im Who's who, und er gibt grundsätzlich keine Interviews. Die einzige andere Person in England, die das mit Gewißheit auch nie tut, ist die Königin. Doch die steht im Who's who und darf Rolls-Royce fahren, ohne sich zu genieren. Beide haben noch etwas gemeinsam: Sie wurden in ein

gutgehendes Familien-Unternehmen geboren, während Margaret Hilda Roberts, die er 1950 in Dartford kennenlernte und bald darauf heiratete, aus der Gemüseladenbranche stammt. Denis' erste Ehe - ebenfalls mit einer Margaret - war ein Kriegsirrtum. Der heimkehrende Artillerie-Hauptmann Thatcher ließ sich scheiden. Sie steht als Lady Hickman im Who's who.

Die Thatchers produzierten seit Generationen Farben, Lacke und Verwandtes, und als Denis den Betrieb 1965 für 560 000 Pfund verkaufte - das waren damals mehr .als sechs Millionen Mark -, stieg er ins Ölgewerbe um und wurde Direktor bei Burmah OU, blieb aber Berater in der familieneigenen Firma "Atlas" (Unkrautvernichtung etc.).

In den frühen sechziger Jahren war die Abgeordnete Margaret Thatcher noch nicht mehr als das, was man "vielversprechend" nennt. Erst 1970 wurde sie Ministerin, und da war klar, daß es einen Rollentausch im Hause Thatcher geben müsse. Denis, inzwischen fünfundfünfzig, zog sich aus den meisten Geschäften zurück, behielt aber ein paar Direktorenposten da und dort, die ein bißchen "Taschengeld" abwarfen.

Der Frührentner schien anfangs fest entschlossen, sich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Als "Maggie" zur Parteichefin und dann zur Premierministerin gewählt wurde, ging er nicht länger neben, sondern schräg hinter ihr, "wie die Frau eines Ölscheichs", schrieb ein unfreundlicher Reporter. Denis Thatcher merkte sehr bald, daß er in die Rolle einer komischen Figur geraten müsse, konnte aber wenig dagegen tun. "Er ist in einer furchtbaren Lage", sagte ein konservativer Abgeordneter. "Aber er macht das auch furchtbar gut."

Wie es bei seinem Hintergrund - Privat-Internat, Armee, Geschäftswelt kaum anders zu erwarten war, passierte die Begegnung mit der künftigen Regierungschefin auf einer jener Freiluft-Wochenend-Veranstaltungen, bei denen die Konservativen Mitglieder werben und Spenden sammeln. Er fuhr die junge Wahlkreiskandidatin anschließend in seinem Wagen nach Hause. Es war die beste Investition seines Lebens.

Nun gibt es Leute, die finden, umgekehrt sei das nicht ganz zutreffend. Seit Denis Thatcher "Mister Premierminister" ist, haben sich kleinere und mittlere Skandale an ihn gerankt, die zwar alle keine Staatsaffäre hergaben, aber doch Fragezeichen hinter seine Fähigkeit zur Diskretion setzen. Im September 1981 kam ein Brief ans Licht zugegeben auf unschöne Weise, nämlich aus einem Aktenordner unbefugt herauskopiert -, den der Ehemann der Regierungschefin an den Minister für Wales geschrieben hatte. Dear Nick, hieß es da, wäre es nicht möglich, endlich die Baugenehmigung für einen Freizeitkomplex im Snowdonia-Nationalpark zu erteilen, die örtlichen Behörden und die Umweltschützer blockieren das. Beste Grüße, Dein Denis. So jedenfalls lautete des Briefes kurzer Sinn.

Aber da appellierte nicht nur der Bürger Denis Thatcher, der zu Beschwerden gegen die Bürokraten ein gutes Recht hat, da schwang leider auch das Interesse des Beraters Denis Thatcher mit, der für ebenjene Firma tätig war, die den Auftrag hatte, die Landschaft in Nordwales um Hotels und Cafeterias, Kinderzoo und Ferienwohnungen anzureichern. Es gab peinliche Anfragen im Parlament, denn der "Bürger" Denis Thatcher hatte zu allem auch noch einen Downing-Street-10-Briefkopf benutzt, wenn auch nicht den seiner Frau. Dann war da der Ärger mit dem Unkrautvernichtungsmittel 245 T, dessen umweltschädigende Wirkungen sich von den Eisenbahnschwellen, wo es zumeist Anwendung findet, in die umliegende Landschaft zu verbreiten pflegten. Schließlich gab es eine Anfrage im Unterhaus, ob Denis Thatcher Druck auf den Gesundheitsminister ausgeübt habe, die Aufklärungskampagne gegen den Nikotinverbrauch etwas zu bremsen. So jedenfalls hatte es die Sonntagszeitung "Observer" behauptet.

Soeben brachte er sich wieder ins Gespräch, als er einigen Fallschirmjäger-Offizieren im Anschluß an den Falkland-Gottesdienst in der Paulskathedrale beim Drink erzählte, die "Chefin" sei "bleich vor Wut" gewesen über die pazifistische Predigt des Erzbischofs von Canterbury. In Downing Street 10 wissen dann die Beamten nie: Sollen sie dementieren oder ignorieren?

Denis Thatcher, mit einem Wort, ist immer eine Schlagzeile wert, auch wenn er glaubt, er tue sein Bestes, Scheinwerfer und Mikrophone zu meiden. Daß die Nation ihn gleichwohl gut kennenlernte, und zwar von der leicht karikierenden Seite her, dafür sorgte die satirische Zeitschrift "Private Eye". Sie druckt in jeder Nummer einen erfundenen - Brief von "Denis" an seinen Freund "Bill", wohinter sich einem Gerücht zufolge der Chefredakteur des konservativen "Daily Telegraph", William (Bill) Deedes, verbirgt. Diese Korrespondenz, abgefaßt in einem sehr charakteristischen Offiziersmessen-, Ex- Empire- und Clubraum-Englisch, durchsetzt mit Golf- und Cricket-Ausdrücken, hat aus Denis Thatcher eine "Persönlichkeit" gemacht, die fast realer ist als der unwirkliche, weil meist unsichtbare Ehe- und Hausmann der Regierungschefin.

Die Gewerkschaften, die farbigen Einwanderer, die Kirchenmänner, die Presse-"Johnnies", die Europäer oder vielmehr alle Fremden, vor allem die Deutschen und Japaner, waren und sind in diesen Briefen die Zielscheibe eines Spotts, der zwar auf den Schreiber zurückfällt, aber doch auch Ressentiments wiedergibt, wie sie nicht Denis Thatcher allein hegt. Die Fernsehfigur Alf Garnet, Urbild unseres Ekels Alfred, taucht da, zwei Sozialstufen höher, von neuem auf. Leute, die mit "DT" zu tun haben, Politiker, Beamte, schwören, der Ton der Briefe sei so echt, als höre jemand jeden Tag mit. "Caesars Ehemann", eine der vielen Bezeichnungen für den Golfer, der seinen Gin (und

auch zwei, drei und vier) über alles liebt, hat die Neugier von seiner Person nicht fernhalten können.

Die Briefe an "Dear Bill" sind inzwischen in zwei Bänden gedruckt, sie bildeten die Grundlage eines Theaterstücks, das monatelang nahe dem Trafalgar Square lief und zu dessen Besuchern eines Abends auch Denis und Margaret Thatcher gehörten. Der Erlös dieser Vorstellung ging in die Wohltätigkeit. Denis, hinterher zum Stück und seiner Rolle darin befragt: "Solche Sachen würde ich niemals in Gegenwart von Damen sagen." Nur stand, als er das sagte, die Dame "Caesar" neben ihm.

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