Hamburger Theaterwettstreit: Drei Premieren an einem Tag"Leonce und Lena" im Thalia Theater

Ein Schleier aus süßer Schläfrigkeit

So schön kann Weltschmerz sein. "Leonce und Lena" im Hamburger Thalia Theater. Georg Büchners melancholisches Märchen aus der Zeit der Kleinstaaterei - paßt es nicht auch wunderbar ins bundesdeutsche Biedermeier der achtziger Jahre? Mit seinen geplatzten politischen Utopien, seiner Resignation* und seiner Rückkehr in die von akuten Wirtschaftskrisen bedrängte private Idylle.

Über Benjamin Korns Inszenierung liegt etwas wie ein Schleier aus süßer melancholischer Schläfrigkeit, durch den die Zuschauer halb eingelullt genußvoll das Spiel auf der Bühne verfolgen, kaum noch unterscheidend, ob es der Wirklichkeit, einem Traum oder irgendeinem Bereich dazwischen angehört. Doch bei aller kulinarischen Raffinesse, aller sensiblen Ästhetik bleibt Benjamin Korn dem auf vertrackt einfache Formeln reduzierten phllosophischen Text Georg Büchners in jedem Augenblick verpflichtet. Das was seine Inszenierung so gelungen macht, ist die Ausgewogenheit zwischen dem nordischen Hang zum Zergrübeln und ihrer südlichen Sinnenfreude. Es scheint, als prüften die Schauspieler noch einmal jedes Wort bedächtig, ehe sie es über die Lippen bringen, versuchten sie, jeden Hakenschlag der Logik erneut nachzuvollziehen.

Das Bühnenbild Kathrin Keglers mit seinen hohen Nischen, in denen mal links der Prinz Leonce, mal rechts die Prinzessin Lena sitzen, seinem hinter romantischem Geranke versteckten Wirtshaus und seinen wie Blütendolden herabhängenden Lüstern unterstreicht die erlesene Morbidität von Büchners traurigem Märchen. Ein Duft von Dekadenz wie immer, wenn eine alte Zeit zu Ende geht, ohne daß eine neue schon begonnen hat, scheint von diesen Bildern auszugehen. Die delikaten Kostüme von Francoise Tournafond gehören genauso dazu wie das traurige Lächeln des molligen Prinzen mit dem schläfrigen Blick.

Matthias Scheuring spielt den Prinzen aus dem Reiche Popo, der sich durch die Flucht nach Italien dem absolutistischen Erbe und der aus Gründen der Staatsräson befohlenen Vermählung mit der Prinzessin Lena aus dem Nachbarland Pipi zu entziehen versucht. Bis zum Aufbruch ist er voller somnambuler Teilnahmslosigkeit und gesättigt vom faden Nichtstun, danach bei der Begegnung mit der von ihm unerkannten Lena zum Leben erwachend, und schließlich, nachdem er bemerkt hat, daß alles Handeln umsonst war, weü er doch wieder in den alten Gleisen gelandet ist, Zuflucht suchend in neuen unerfüUbaren Träumen. Neben ihm Andrea Bürgin als Lena, anzuschauen wie das Porträt eines italienischen Renaissance- Malers - fehlt nur noch der Goldrahmen. Den BUck voller Bittersüßem auch sie.

Die Gouvernante (Gerda Katharina Kramer) und Vaierio (Jörg Gillner) weiden von Benjamin Korn nicht in die volkstümelnde Bilderbuchromantik abgedrängt, sondern scharf und unmißverständlich als Vertreter der rechtlosen, dienenden breiten Masse gezeichnet. Mit wundgescheuerten Füßen zieht die Gouvernante ihr Prinzeßchen im Handwagen über die Bühne, während sich Vaierio mit der schweren Bücherkiste seines Herrn abbuckelt.

Gnadenlos hat Georg Büchner, der Verfasser des "Hessischen Landboten", die absolutistische Herrschaft verspottet. Aus ihren längst leerlaufenden Zeremonien macht Benjamin Korn im Thalia Theater eine Reihe perfekt ablaufender köstlicher Slapstick- Szenen. Wenn der dicke König Peter (Günther Amberger), davon überzeugt, seinem Volk das Denken abnehmen zu müssen, ratund rastlos durch sein Schloß ellt, treten sich die ihm vorauslaufenden Lakaien im Konflikt mit den Gesetzen der Symmetrie ständig auf die Füße.

"Leonce und Lena" ist nicht nur ein sehr trauriges, sondern auch ein sehr lustiges Lustspiel. Am Premierenabend gab es langen Beifall, besonders intensiv, als Benjamin Korn auf die Bühne kam. MATHESREHDER

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