Drei Jahre Mullah-Herrschaft in Iran

Rückkehr ins Mittelalter kostete zehntausend Tote

Mit Massenversammlungen und riesigen Spreehchören wird die iranische Bevölkerung den dritten Jahrestag der Rückkehr des greisen Ayatollah Khomeini nach 16jährigem Exil leiern. Doch der schiitische Geistliche, der am L Februar 1979 als Trinmphator Aber das Schah-Regime nach Teheran kam, ist heute ein schwer henkranker Mann. Besucher empfangt er nur noch alle viersehn Tage. Angeblich soll der Ayatollah Hossein-Ali Montazeri als sein Nachfolger als geistiges und staatliches Oberhaupt Irans ausersehen sein. Aber gewiß ist das auch nicht, wie vieles unter der Diktatur der Mullahs. Peter Meyer-Ranke, seit swei Jahrzehnten Korrespondent im Nahen Osten, schildert die Situation in Iran.

durch die ölgesellschaften auf dem arabischen Ufer des Golfs ist daher das Angriffsziel der "wahren Gläubigen". Geheimsender in Persien rufen die 300 000 Schuten in den arabischen Golfstaaten zum Aufruhr gegen Scheichs und Könige, gegen Sittenverderbnis und Ketzer, die angebüch die Koran-Gebote mißachten.

Schon wurde Mitte Dezember in Bahrein ein Umsturzversuch aufgedeckt, die Beziehungen Teherans zu Saudi-Arabien sind denkbar schlecht, und die sechs arabischen Golfstaaten schließen sich zu einem Sicherheitspakt zusammen. Ihre Abwehr gilt Persien, das die sunitischen Araber auch als Glaubensfeinde bekämpft.

Mit Glaubensfeinden gibt es keinen Frieden, darin gleichen sich fanatisch Schuten und Kommunisten. Daher ist Persien auch nicht frie-

Von Meyer-Ranke

SAD Beirut, 30. Januar

Erschöpft saß der greise Ayatollah Khomeini auf einer Holzbank. Der schwarze Turban war ihm in den Nacken gerutscht, die Hände spielten nervös mit einer Gebetskette. Der Empfang auf dem Flugplatz Teheran war so wüd, so chaotisch gewesen, und Tausende von Händen hatten nach dem Ayatollah gegriffen, daß seine Leibwache ihn schützen mußte. Die Heimkehr Khomeinis aus dem Exll am 1. Februar 1979 vor drei Jahren wäre fast ein Drama geworden, der Ayatollah schwebte in Lebensgefahr.

Persien wäre viel erspart gebheben, wenn Khomeini (81) heute nicht mehr herrschen würde. Aber trotz Krieg und Krisen hält der Alte in der heiligen Stadt Ghom an seinem angeblichen göttlichen Auftrag fest, Persien in einen islamisch-schütischen Gottesstaat zu verwandeln. Kein Opfer ist ihm für die Rückkehr in das Mittelalter zu hoch. Und nur Khomeini und seine 80 000 Mullahs sind es, die mit ihrem Fanatismus und mit den Maschinenpistolen ihrer Revolutionsgarden Regime und Staat noch zusammenhalten. Vor dem Ende Khomeinis wird es keinen Wechsel geben.

Die Mullah-Herrschaft hat in den drei Jahren rund zehntausend Menschenleben gekostet. Studenten und Kinder, Schah-Freunde und Mitarbeiter der einst oppositionellen "Nationalen Front", Kurden und "ketzerische Bahais" oder auch Juden wurden ebenso vor die Hinrichtungskommandos geschleppt wie Freudenmädchen und Rauschgifthändler.

Während sich Kurden, Turkmenen und Belutschen in den Randgebieten des Reiches der Zentralgewalt entziehen und sich ihr zum Tell kriegerisch widersetzen, wird die einzige, wirklich gefährliche Opposition gnadenlos verfolgt die "Mudschahedin e Khalk", die Volks-Widerstandskämpfer. Sie werden von Massud Radschawi aus Paris geführt

Die kommunistische Tudeh-Partei ist trotz der Herrschaft der schwarzen Turbane nicht in die Opposition gegangen, sondern wartet auf eine günstige Stunde nach Khomeini. Die Regierung Ali Khameini (auch ein Mullah) m Teheran arbeitet sogar mit Kommunisten zusammen, als außenpolltische Absicherung gegen- über Moskau. Denn Verbündete der Sowjets, wie Syrien und auch Libyen, liefern den Persern Waffen und Nachschub für den Golf-Krieg gegen Irak. Dafür schickt Teheran persische Techniker auf die libyschen 01felder, wo sie Amerikaner ersetzen müssen. Die Sowjets stellen im stillen die Weichen, so daß sie früher oder später bei der Machtvergabe in Persien mitreden können. Ohne Persien besetzen zu wollen und damit vielleicht ein zweites Afghanistan heraufzubeschwören, kommt Moskau seinem jahrhundertealten Traumziel allmählich näher: den warmen Wassern des ölreichen Golfes.

Khomeini und seine Gefolgsleute haben diese neue Konstellation herbeigeführt, die der Schah immer zu verhindern wußte; denn gemeinsam mit den Sowjets ist diesen islamischen Rellgionsgelehrten die Abneigung alles Westlichen, vor allem der Amerikaner. Deren indirekte Macht densbereit im Golfkrieg gegen Irak; denn nicht nur das berichtigte Gefühl, von Arabern überfallen worden zu sein, sondern gerade religiöser Fanatismus treibt die neu organisierte Armee und die Pasdaran, die Revolutionsgarden, zum Sturm. Militärisch steht es daher nicht ungünstig für die Perser: Der verlustreiche Masseneinsatz der Revolutionsgarden als eine Art schütischer Waffen- SS hat zur Entsetzung der Olstadt Abadan und zur Zurückgewinnung verlorenen persischen Bodens geführt.

Den Irakern geht im Krieg alünäh- Uch die Luft aus. Der Führungsanspruch ihres Präsidenten Saddam Hussein ist dahin. Im Abnutzungskrieg am Golf mußte Bagdad schon Kredite für sechzehn Milliarden Dollar aufnehmen und seinen Olexport empfindüch drosseln. Hinzu kommt daß Khomeinis terroristische Anhänger auch im Ausland, z. B. in Beirut, gegen Iraker und irakische Einrichtungen einen blutigen Kleinkrieg führen.

Khomeini und seine schiitschen Perser marschieren zur Zeit also nicht auf der Veriiererstraße. Sie predigen Kargheit und wirtschaftüche Autarkie. Große Industrialisierungspläne wie unter dem Schah sind ihrem auf Selbstgenügsamkeit gerichteten Denken fremd, ja unerwünscht.

Unvorstellbar ist es etwa europäischen Vorstellungen, daß Frauen in den Bergen bei Teheran nicht mehr Ski laufen dürfen, well sie dann unschickliche Hosen und keinen Schleier tragen könnten. Im Gottesstaat Khomeinis aber ist die "Unterdrückung" der Frau, ist die reine Männerwelt vom Islam her eine Selbstverständlichkeit.

Und den bärtigen Männern mit den schwarzen Turbanen ist es im Grunde nur recht, wenn die ölexporte auf rund eine Million Barrel am Tag gesunken sind (früher 6,5 Millionen). Denn das reicht finanziell hin, um Staat und Bevölkerung einigermaßen am Leben zu erhalten. Em größeres Einkommen würde nach dem Verständnis der Ayatollah nur Müßiggang, Sittenverderbnis und unheiligen Luxus fördern. Eine Mahlzeit am Tag für jeden Perser, also eine Schale mit Reis und Gemüse, garantieren notfalls die Moscheen. Sie sind Sozial- und Arbeits- ämter und Gebetshäuser zugleich. Und die überwachten Stadtteile und Dörfer, die Mullahs brauchen keine Geheimpolizei, jeder Gläubige kann ihr Spitzel sein.

Die westlich oder technisch erzogene Mittelschicht ist zum größten Teil längst ins Ausland abgewandert oder spielt poütisch nur noch in der Opposition eine Rolle. Die Mullah- Herrschaft kann noch lange dauern, vielleicht sogar über Khomeini hinaus.

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