Ivo Pogorelich: Ein genialer Pianist, der viele Monate tüftelt, bevor er spieltEr liebt Cornflakes mit viel Milch und Honig

Im Rolls-Royce zum Training

Das Skandalgeschrei ist noch immer nicht verstummt, aber der Betroffene will nichts mehr davon wissen. "Hundertmal hat man das Warschauer Verlierer-Märchen kolportiert, die Gewinner-Story hat längst begonnen!" So kann nur einer reden, der mit außerordentlichem Talent und unerschütterlichem Selbstbewußtsein gesegnet ist: Ivo Pogorelich (23), der meistdiskutierte Pianist der jungen Generation, über Nacht weltberühmt.

Seit einem Jahr auf Eroberungs-Tournee, stellt sich der jugoslawische Künstler erstmals dem Hamburger Publikum vor. Nach der aufregenden Debüt-Erfahrung im letzten NDR-Sinfoniekonzert ist die Spannung auf dem Siedepunkt. Morgen schlägt die Stunde der Wahrheit, wenn Pogorelich in der Musikhalle seinen ersten Soloabend mit Werken von Beethoven und Schumann gibt.

Wie findet er sich selbst, den man mit Horowitz verglichen und einen Kinski unter den Pianisten genannt hat? Auf einen hochmütigen, exzentrischen Typ gefaßt, kommt mir ein fröhlicher Junge entgegen, dessen herrliche Unbekümmertheit von großer Selbstsicherheit zeugt. Keine Spur von Arroganz, vielmehr eine wache Intelligenz und die ständige Bereitschaft, sich und seine künstlerische Einstellung zu analysieren, um von dem so viel älteren Gesprächspartner ganz ernst genommen zu werden.

An die verlorene Kindheit oder ganz banales Heimweh

will er nicht erinnert werden. Ganz schön harte Schul- und Lehrjahre müssen das gewesen sein, als er mit elf allein von Belgrad nach Moskau übersiedelte, um an der Zentralen Musikschule und am Tschaikowsky-Konservatorium zu studieren. Lieber erzählt er von Jux mit Freunden, als sie ihr Taschengeld in Hotelbars verjubelten. Heute trinkt er überhaupt keinen Alkohol, raucht ganz selten und ißt am liebsten Cornflakes mit viel Milch und Honig. Das Schlimmste: auf offiziellen Empfängen, von Party zu Party herumgereicht zu werden!

Natürlich hat sich mit dem plötzlichen Ruhm auch ein gewisser Hang zum Luxus entwickelt. Aber welcher junge Mann hätte nicht modische Ambitionen oder Auto-Träume? Ivo bestellte gleich einen Rolls-Royce Silver Cloud . . .

Sein tägliches Training (bis zu sieben Stunden am Klavier) hält er eisern durch und nimmt sich zur Erarbeitung eines neuen Werks Monate Zeit. Ein halbes Jahr hat er für Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" angesetzt. Im Mai wird er in New York und Amsterdam erstmals zusammen mit seiner Frau konzertieren: Bartöks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug. "Das ist wie ein Virus in meinem Kopf, der Bartök beschäftigt mich Tag und Nacht."

Pogorelich arbeitet systematisch nach Plan. Für die nächsten sieben Plattenaufnahmen innerhalb von fünf Jahren hat er sich Beethoven, Liszt, Prokofieff und Bach vorgenommen. Auf keinen Fall läßt er sich als Chopin-Spezialist vermarkten. Gewiß, die "Premiere" mußte mit Chopin sein - als Rache und Antwort auf das Debakel beim Warschauer Wettbewerb, wo ihm nur der Sonderpreis der polnischen Musikkritik als "au- ßerordentlich originelles Pianistentalent" zuerkannt wurde. Was auch nicht ins Bild des Klaviergenies und umschwärmten Podiumsstars paßt, ist seine Besessenheit, zu unterrichten. "Ich weiß schon jetzt so viel, was ich anderen Leuten mitgeben möchte. Nicht erst mit 50, dann habe ich vergessen, wie man mit jungen Menschen umgeht." Lernen und Lehren gehört für ihn zusammen, deshalb hat er zugesagt, diesen Sommer in Japan öffentliche Meisterkurse abzuhalten, zu denen auch Hobby- Pianisten zugelassen sind. Seine Frau macht selbstverständlich mit.

Für das jugendliche Konzertpublikum in aller Welt aber ist Ivo Pogorelich mit seinen 23 Jahren schon eine Art Kultfigur. Wie hält er das aus? "Ich bleibe, wie ich bin, und setze mir Ziele. Kein Kult kann helfen, Beethoven zu spielen!" Um das Egozentrische seines Wesens zu erklären, fügt er hinzu: "Ich lebe intensiver als die meisten anderen." Und für das Konzert morgen: "Nicht auf die Zahl der Hervorrufe und geforderten Zugaben kommt es an. Wichtig ist nur, wie lange meine Musik im Gehirn des Zuhörers bleibt." SABINE TOMZIG

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