Ivo Pogorelich

Debüt in Hamburg bejubelt

Wie ein Feuerwerk zündete der "Römische Karneval", ein von Berlioz nachträglich aus dem Saltarello seiner durchgefallenen Oper "Benvenuto Cellini" angefertigtes Effektstück. Das war der funkensprühende Empfang für den mit Spannung erwarteten "skandalösen" Jungpianisten Ivo Pogorelich. Verpflichtet, Chopin zu spielen, wo immer er debütiert, versetzte er auch das Hamburger Publikum mit dem f-Moll-Konzert in helle Aufregung: durch seine phänomenale Technik, mehr noch durch seine provozierende Art der Interpretation.

Unheimlich die Emotionskontraste zwischen Zärtlichkeit und Wildheit! Das wirkt sich natürlich auch auf die Tempi aus, die er elastisch dehnt durch fast unmerkliches Anziehen und Verzögern. Die beiden schier endlosen Fermaten im ersten und zweiten Satz, in denen niemand zu atmen wagte, zeigten erst recht, welche Konzentration er vom Publikum zu erzwingen vermag.

Pogorelich hatte nun aber auch in Charles Dutoit einen sekundenschnell reagierenden Dirigenten, der sozusagen "mitflog" und den himmelstürmenden jungen Künstler jederzeit mit dem vibrierend begleitenden NDR-Orchester weich auffing. Inmitten des Begeisterungssturms ein einsamer Buhrufer vom zweiten Rang, der wohl die Stoppuhr hat mitlaufen lassen.

Die leeren Plätze nach der Pause zeigten, daß manche nur wegen Pogorelich gekommen waren. Ihnen entgingen zwei andere Höhepunkte. Ein Hochspannungsdirigent war zu feiern, der mit den Musikern und dem NDR- Frauenchor in Debussys "Trois nocturnes" den Triumph der Nuance, die Faszination des Klangs voll auskostete und in Roussels exzentrischer Ballett-Suite "Bacchus und Ariadne" grandiose Visionen beschwor.

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