Von Karl-August Siegel

Warum sollte ich dem Seemann widersprechen?

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Er kommt aus der Gemeindeseelsorge in Hamburg und ist seit fünf fahren Oberhaupt der Katholiken der Hansestadt: Weihbischof Karl-August Siegel (65). Nach seinem Studium war der gebürtige Lübecker Vikar in St. Marien in Ottensen und St. Elisabeth in Harvestehude. 1953 wurde er zum katholischen Fernsehpfarrer ernannt, seine erste Sendung kam aus dem Bunker auf dem Heiligengeistfeld.

Als ich einmal im Hafen von Helgoland die Schiffe ansah, kam mir so ein richtiger Seebär mit Bartkrause und Schiffermütze entgegen. Er sah mich sehr freundlich an, und ich sagte: "Hallo Käpt'n." Er antwortete mir: "Hallo, wir kennen uns, Sie sind doch einer der Lotsen, die die großen Pötte in den Hafen dirigieren." Ich war so erstaunt und angetan von meiner Berufsbeschreibung, daß ich es nicht wagte, ihn "aufzuklären", sondern dachte, eigentlich liegt der gute Mann gar nicht so verkehrt ? wenn auch meine Schiffermütze ("Elbsegler") ihn zu der Berufsbestimmung verführt haben mochte.

Lotse kommt wohl von der mittelhochdeutschen Bezeichnung Lootsmann, das heißt Wegweiser ? Wegweiser für einlaufende Schiffe in den Hafen und auslaufende ins freie Fahrwasser. Das Bild der Kirche als Schiff ist uralt und oft beschrieben worden; als Schiff unterwegs im Sturm und gefahrvollen Gewässern. Ein Schiff, das sich Kirche, das sich Gemeinde nennt, braucht sicher einen mit allen Verhältnissen vertrauten Lotsen. So möchte auch ich mein Amt sehen, und doch meinen manche, gerade dieses Vertrautsein mit den "Verhältnissen" fehlt doch eigentlicR den Bischöfen.

So hörte man dieser Tage In einer Rundfunk-Sendung: "Sie (die Bischöfe) leben in konfessionell homogenen Inseln, die es sonst in der Gesellschaft nirgendwo mehr gibt. Ihre Mitarbeiter sind Geistliche oder Nonnen, zumindest sehr stark kirchlich orientierte Laien. Auch ihre Freizeit verbringen Bischöfe meist in kirchlichen Häusern, die Ihre vornehmliche Aufgabe darin sehen, eine völlige Abschirmung des erholungsbedürftigen hohen Herren zu garantieren."

Hier muß ich dem Rundfunkautor widersprechen. Vielleicht werde ich ihn einmal einladen, teilzunehmen bei meinen Lotsendiensten nicht zu "Inseln", sondern gerade zu den Menschen in ihren kleinen Lebensbooten, die mir immer wieder begegnen und die mich um Orientierung bitten, weil ihnen Politiker und Soziologen allein nicht genügen. Es gibt mehr Menschen, als wir annehmen, die das Lebenswissen der Kirche brauchen, um leben zu lernen.

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