Aus der Euphorie geborene Pläne platzten wie Seilenblasen

Traumschlösser blieben ungebaut

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EGBERT A. HOFFMANN

Politiker wienern gern ihr Image mit baulichen Großprojekten, die unter ihrer Regie ersonnen und gefordert werden. Aber längst nicht alles wird realisiert ? entweder fehlen die vielen Millionen, oder Bürgerproteste lassen die Initiatoren verstummen, oder die Vorhaben entpuppen sich bei emotionsfreier Wertung als Utopie. Den Hamburgern wurden in den vergangenen 15 Jahren viele solcher Großprojekte präsentiert, amtlich voller Euphorie bejubelt, mit Vorschußlorbeeren überschüttet. Aber dann wurde es still um sie. Die angeblich epochemachenden Pläne zerrannen wie Schnee in der Sonne: Vergessene Traumscfalösser, die nie gebaut wur-

Es war 1966, als die gewerkschaftseigene Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat die Bürger mit Zeichnungen gigantischer Betonpyramiden an der Alster schockte. Die Sanierung von St. Georg sollte in ein "Aisterzentrum" öffentlich dikskutiert, hochtisches Manhattan mit 60stöckigen Wohn-, Gewerbe- und Bürotürmen. Ein erdrückendes Wolkenkratzer- Panorama, in dessen Mitte sich die St. Georger Kirche wie eine Keksdose zwischen Affenfelsen ausnahm. Jahrelang wurde dann das "Aisterzentrum" öffentlich disputiert, hochgelobt und verflucht. Bis Bausenator Caesar Meister schließlich ein Machtwort sprach: "Wir lassen höchstens 30 Etagen zu." Damit war die Luft raus ? die Horror-City begann zu schrumpfen. Dennoch wurde 1969 amtlich verkündet: Baubeginn 1972 hinter der Kirchenallee. Aber 1972 sprach schon niemand mehr vom Alster-Manhattan.

Im selben Jahr wurde als "Jahrhundertbauwerk" die Trabanten- Stadt Billwerder-Allermöhe von den Behörden mit Blick auf die Neue Heimat vorgestellt. Ein "in der Bundesrepublik einmaliges Bauvorhaben", so der Senat, mit Wohnungen für 70 000 und Arbeitsplätzen für 30 000, ein "Grachtendorado aus einem Guß", ein ?Mammut-Gebilde wie Paderborn,

Gießen oder Ingolstadt". Die Begeisterung im Regierungslager überschlug sich. Da war kühn vom "modernen Venedig" und "norddeutschen Amsterdam" die Rede. Kabinenbahnen und Jachthäfen sollte das "Gebilde" anreichern.

Die Kosten für die Super-City in der Marsch wurden auf sechs Milliarden Mark geschätzt, fast soviel wie Hamburgs ganzer Etat 1972. Schon deshalb nannten Kritiker das Vorhaben "Hirngespinste", und namhafte Architekten bekundeten "schlicht Angst" vor den Betonsilos, die in nur zehn Jahren zwischen weidenden Rindviechern und Treibhäusern voller Salat hochgezogen werden sollten. Schon 1976 wollte der Senat die ersten Mieter begrüßen. Aber 1976 sprach kein Mensch mehr vom "Venedig in der Marsch".

Jahrelang badeten die Regierungsparteien in einer wahren Schnellbahn-Euphorie. Die City-S-Bahn war noch nicht im Bau, da brach der Bahnkrieg zwischen Hamburg und der Bundesbahn aus. Es ging um die Frage, ob Lurup eine stadteigene U-Bahn für 510 Millionen Mark oder eine bundeseigene S-Bahn für nur 375 Millionen Mark bekommen sollte. Im September 1973 beendete Wirtschaftssenator Helmuth Kern kategorisch das Hickhack: "Die Luruper erhalten eine U-Bahn." Das war die teurere Version. Baupläne lagen auch schon vor, und 1976 sollten die ersten Züge rollen. Tatsächlich hatte sich bis 1976 keine Hand für Lurup gerührt. Und heute redet niemand mehr von Lurups Schnellbahn. Genauso erging es anderen Schnellbahnvorhaben, die laut Senat jede stillgelegte Straßenbahnlinie ersetzen sollten. Dem Bürger wurde eingeredet, das sei beschlossene Sache. Dazu gehörte eine neue U-Bahn-Strecke durch St. Georg, Uhlenhorst und Winterhude. Der Baubeginn wurde auf 1976 festgesetzt. Heute ist diese Linie "gestorben", obgleich in den Stationen Hauptbahnhof Nord und Jungfernstieg bereits viele Millionen für diese Strecke verbaut wurden.

Ebenso zu den Akten gelegt sind Pläne für die U-Bahn-Linie nach Steilshoop und die S-Bahn-Linie nach Rahlstedt. Auch von der S-Bahn-Verlängerung Pinneberg ? Elmshorn spricht niemand mehr. Nach zehnjährigem Gerangel ist es ferner um die Güterbahn durch die Marschlande, die mindestens 600 Millionen Mark kosten sollte, still geworden. Angeblich soll dafür keine einzige müde Mark bereitliegen. Und die Kabinenbahn- Versuchsstrecka zur City Nord ist ebenfalls aus der Diskussion.

20 Jahre lang redeten sich Kommunalpolitiker über die Osttangente die Köpfe heiß ? eine Stadtautobahn zwischen Norderstedt und Hörn. 1980 wurde sI":ersätzlos beerdigt ? bis auf ein kurzes Stück Schnellstraße in Fuhlsbüttel, das irgendwann nun doch gebaut werden soll. Die Autobahn- Verlängerung vom Homer Kreisel zur Eiffestraße wurde gestrichen, weil Bonn dafür keine 400 Millionen zahlen kann.

Seit kurzem hat sich Hamburg offiziell vom geplanten Großflughafen Kaltenkirchen getrennt, für den bereits 100 Millionen ausgegeben wurden. Zuvor war dieses "Luftkreuz des Nordens" als Entlastung oder gar Ersatz für Fuhlsbüttel viele Jahre lang vom Senat georiesen worden, um lärmgestreßte Flughafen-Anwohner in Fuhlsbüttel zu besänftigen.

Auch Deutschlands teuerster Parkplatz wird nicht gebaut: Die dreistöckige Garage unter dem Rathausmarkt. Jeder Stellplatz wäre dort mit über 100 000 Mark zu Buch geschlagen. Dennoch wurde der Rathausmarkt zur Großbaustelle. Er wird für ? zunächst ? 38,5 Millionen Mark umgestaltet, weil sich Bürgermeister Hans-Ulrich Klose bei seinen Senatskollegen durchsetzen konnte.r

Wieviel die Senatoren verwalten

Soviel Geld verwalten Hamburgs Senatoren: Bürgermeister Hans- Ulrich Klose hat mit 127 Millionen Mark den kleinsten Etat, da er keiner "echten" Behörde vorsteht. Er entscheidet aber über die Verteilung der Gelder unter seine Senatorenkollegen. Der dickste Finanzbrocken liegt in diesem Jahr bei Senator Volker Lange: 1,5 Milliarden Mark für die Baubehörde.

Hier die Reihenfolge vom kleinsten bis zum größten Etat; Ulrich Klose, verantwortlich für Rathaus, Senatsamt für den Verwaltungsdienst, Staatsarchiv: 127 Millionen Mark.

Senator Prof. Dr. Wolfgang Tarnowski Kulturbehörde: 191 Millionen Mark.

Bürgermeisterin Helga Elstner, Gesundheitsbehörde: 257 Millionen Mark (die Krankenkassen zahlen zusätzlich 727 Millionen Mark Pflegesätze an die staatlichen Krankenhäuser).

Senator Wolfang Curilla, Behörde für Bezirksangelegenheiten, Naturschutz und Umweltgestaltung: 262 Millionen Mark.

Senatorin Eva Leithäuser, Justizbehörde: 317 Millionen Mark.

Senator Dr. Wilhelm Nölling, Finanzbehörde: 338 Millionen Mark (darin sind die Kosten der "Allgemeinen Finanzverwaltung" nicht enthalten).

Senator Jürgen Steinert, Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Landwirtschaft: 462 Millionen Mark.

Senator Alfons Pawelczyk, Behörde für Inneres: 687 Millionen Mark.

Senator Prof. Dr. Hansjörg Sinn, Behörde für Wissenschaft und Forschung: 800 Millionen Mark.

Senator Prof. Dr. Joist Grolle, Behörde für Schule und Berufsausbildung: 1402 Millionen Mark (das Amt für Jugend wurde in diesem Jahr mit seinem Etat von 418 Millionen Mark an die Arbeitsund Sozialbehörde abgegeben).

Senator Jan Ehlers, Arbeitsund Sozialbehörde: 1467 Millionen Mark.

Senator Volker Lange, Baubehörde: 1555 Millionen Mark. hyl

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