Luc Bondys "Wozzeck" hat am 5. April Premiere

Wie von Kindern erzählt

Seit November gab es keine Opern- Neuinszenierung mehr, aber Jetzt läuft der Probenbetrieb wieder auf Hochtouren. Luc Bondy (32), der Alban Bergs "Wosseck" inszeniert (Premiere 5. April), bekam sogar mehr Bfllraenproben als üblich. Auch du ist ihm noch immer nicht genug. Für einen "Don Giovanni" würde er drei Monate verlangen! Er versteht nimllch seine Arbeitsweise als etwas lebendig Wachsendes, als einen Proseß, den man nicht mit der Uhr in der Hand unterbrechen kann. Schmal, blaß, übernächtigt sitzt er mir im Spielleiterzimmer gegenüber. Der Probenstreß, das starke persönliche Engagement scheinen ihn aufzu-

vielleicht aut" der überma-

ßige Anspruch an sich selbst, gut er doch als Garant des Außergewöhnllchen. Seine letzten Erfolge mit Bekketts "Glücklichen Tagen" und Gombrowicz' "Yvonne" im Kölner Schauspielhaus, zu dessen Direktorium er jetzt gehört, haben das wieder bestätigt.

Während des Interviews herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Bondy führt sozusagen polyphone Gespräche, macht deutlich, daß er seine kostbare Zeit nicht für mich allein verschwenden kann. Aber schließlich sind wir schon bei "Lulu" gut miteinander zurechtgekommen, und ich brauche nur dort anzuknüpfen, wo wir 1978 stehengebllebep waren: bei seiner Vorliebe für die Musik Alban Bergs, bei seinen Ansichten über Teamwork. Bondy arbeitet am liebsten mit einer Gruppe, die er gut kennt. In Hamburg, der Stätte seines ersten erfolgreichen Opernexperiments, hat er auch beim zweiten Mal wieder Christoph von Dohnanyi am Dirigentenpult, Rolf und Marianne GUttenberg für die Ausstattung und Anja Silja für die weibliche Hauptrolle. Besonders intensiv arbeitet er natürlich mit Klaus Hirte, dem jungen Stuttgarter Bariton, der die Titelrolle zum erstenmal singt und daher auch in keiner Weise vorgeprägt ist. Dieser Wozzeck ist ohne Vorbild. Meine Frage nach etwaigen Parallelen zu Theaterinszenierungen desi Büchner-Dramas geht ins Leere. Bondy kennt weder den total verfremdeten "Woyzek" von Grüber in Bremen noch die Bochumer Zirkusversion oder die Hamburger Grüner-Inszenierung im Thalia. Wo also ansetzen? Bondy will kein realistisches Milieu-Drama, keine Fall-Studie, schon gar keine Mitleidsschnulze auf die Opernbühne bringen. Der Zuschauer wird sich vielmehr in den Seelenzustand dieses gequälten Menschen hineinversetzen müssen: in seinen Wahn, seine metaphysischen Ängste, seine Schizophrenie. Bondy: "Das ist eine Inszenierung, die sich im Kopf des Wozzeck befindet oder anders gesagt, wie von Kindern erzählt und gezeichnet."

Und das schockierende nackte Titelbild des Staatsopern-Monatshefts? Unter Opernfreunden sind schon Befürchtungen laut geworden, es würde wohl zu ähnlichen Exzessen kommen wie seinerzeit bei der Pip Simmons-Group im Malersaal. Keine Angst: Es soll eine ganz ruhige Inszenierung werden. Aber hören muß man können! Und wissen, daß Musik die Funktion hat, das Unbewußte im Menschen darzustellen, worauf Berg immer wieder hingewiesen hat.

Inszenieren hieße dann also für Bondy, die musikalischen Symbole der Partitur zu entschlüsseln und die Handlung auf zwei Ebenen zu übertragen: hinter der real bürgerlichen Existenz des armen Soldaten Wozzeck den psychischen Zerfall transparent zu machen. Über die mit GUttenberg gemeinsam entwickelten Bildideen wollte er jedoch noch nicht verraten.

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