17 Tage Krankenhaus

Tagebuch des Patienten Günter Z.

Ort des Geschehens: Neurochirurgie im Allgemeinen Krankenhaus Altona. Zeit: 9. bis 26. August 1979. Patient: Günter Zielke, 48 Jahre alt, Mitglied der CDU-Bürgerschaftsfraktion, beschäftigt beim Amt für Berufs- und Weiterbildung. Er wollte sich nicht mit der pauschalen Kritik über Hamburgs Kliniken zufriedengeben und hat deshalb seinen fast dreiwöchigen Aufenthalt in vielen Notizen festgehalten. Er kommt zu dem Schluß: Pflegepersonal ungebührlich überlastet, Zweifel an der Qualifikation von Schwestern und Pflegern, lange Wartezeiten auf Termine zum Röntgen und zu Operationen, eklatanter Mangel an menschlicher Zuwendung zu den Kranken.

In diesen Wochen haben in Hamburg viele das Krankenhauswesen kritisiert, aber keiner hat so sorgfältig einzelne Vorgänge registriert wie Günter Zielke. Deswegen nachstehend die wesentlichsten Punkte aus seinem Notizbuch:

9. August, Aufnahmestation 13 B, Untersuchung durch den Stationsarzt. Ergebnis: Rückenmark- Röntgen erforderlich. "Wir wollen sehen, wann wir einen Termin bekommen."

10. August: Verlegung zu dem Patienten Peter H., der einen Ge-, hirntumor hat und bald operiert werden soll. Tür zum Flur tagsüber und auch nachts geöffnet. Sehr störend und laut. Jeder Schritt des Pflegepersonals (auf Holzpantinen) unterbricht den Schlaf.

14. August: 5.15 Uhr Wecken. Thermometer, Puls messen (wofür eigentlich"). Danach: ?Na, dann schlafen Sie noch- gut!" Tür zum Flur bleibt geöffnet. Sehr laut. Patient H. soll heute operiert werden. Er erhält innerhalb von fünf Minuten zwei Spritzen. Um 8.45 Uhr Frühstück. Kaffee lauwarm, über grauem, verwaschenem und an den Ecken abgestoßenem Tablett verschüttet. Eierbecher und Salz auf dem Tablett, aber kein Ei. Anfrage wegen des Termins zum Rücken-

mark-Röntgen. Verweise auf hohe Kosten durch zu lange Liegezeiten. Antwort: "Sie liegen doch nicht als Privatpatient hier, oder?"

15. August: Röntgen der Wirbelsäule. Großer Bandscheiben-Vorfall. Wann wird operiert? "Gute Chancen für nächste Woche" Bettnachbar H. von der Intensivstation zurück. Blutverschmiert. Total verquollenes Gesicht. Er ist an mehrere Schläuche angeschlossen und röchelt stark. Tür zum Flur bleibt ge- öffnet. Sehr laut.

17. August: Bitte um Beurlaubung bis zum 20. August, da Operation erst für den 21. vorgesehen. Genehmigt.

20. August: Patient H. kaum gebessert. Seine Frau versorgt ihn. Gespräch mit Prof. Finkemeyer über Risiko der Operation. Um 21.30 Uhr ein Fünf-Minuten-Gespräch mit Narkoseärztin. Nachts Tür zum Flur wieder offen.

21. August: 4.45 Uhr Wecken. Spritze. 7.10 Uhr zur Operation geholt. Im OP-Vorraum grün vermummte Männer. "Klaus, hier ist deiner!" Klaus fährt mich im Affentempo in den Narkoseraum. Dort auf harte, schmale Trage gelegt, nur mit Bettlaken zugedeckt. Starke Schmerzen und sehr gefroren. Warte eine halbe Stunde auf Narkoseärztin. Alle Vorbereitungen zur Narkose mitbekommen. Zirka 8.15 Uhr Beginn der Operation. Aufgewacht, als noch genäht wurde. Keine Möglichkeit zu reagieren. "Ach, er ist ja schon wach. Nun helfen Sie uns mal, Sie sollen jetzt wieder in Ihr Bett." Mit Affentempo auf die Station. Starke Schmerzen. Tür zum Flur auch nachts geöffnet.

22. August: 5 Uhr Wecken. Soli mich selbst waschen. Geht nicht. Schmerzen. Warte auf meine Frau. Möchte Schnabeltasse für Tee. Keine vorhanden. Auch kein Strohhalm. Nachts bleibt die Tür zum Flur wieder offen. Begründung: "Wir können nicht auch noch erst alle Türen öffnen, wenn wir ins Zimmer wollen."

26. August: Auf Toilette kein Toilettenpapier (laut Mitpatienten ist dies seit 22. August der Fall), keine Seife, nur Papierhandtücher. Auf Befragen: "Zukünftige Oberschwester zur Zeit auf Kursus. Daher alles ein wenig durcheinander." Helfe trotz meiner Schmerzen dem Bettnachbarn H. beim Frühstück. Schwestern haben keine Zeit dazu.

Günter Zielke sprach danach noch mit mehreren Patienten und stellte dabei fest, daß das Pflegepersonal froh ist, wenn Angehörige die Kranken versorgen. Bei allen entstand der Eindruck, daß das AK Altona eine "Operationsfabrik" sei. Menschliche Zuwendung, das häufig notwendige Gespräch mit dem Arzt wird vermißt. Der Patient fühlt sich als Nummer. Dem Pflegepersonal und den Ärzten wird generell kein Vorwurf gemacht, weil die personelle Unterbesetzung von den Patienten erkannt wird.

Zielke: "Die Aussage der Gesundheitssenatorin, daß es eine Misere an unseren Krankenhäusern nicht gibt, zeigt, wie weit Frau Elstner von der Praxis in unseren staatlichen Krankenhäusern entfernt ist." co.

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