Zum Tod von Tatjana Iwanow

Als Dolly bleibt sie in Hamburg unvergessen

Man nannte Tatjana Iwanow die "First Lady" des Musicals. Nun ist ihre von Leidenschaft beflügelte Stimme verklungen. Nach sechs Jahren mit unerhörter Willensstärke geführtem Kampf gegen den Krebs starb die Schauspielerin und Sängerin in Hamburg. Am 12. Oktober am 10.30 Uhr nehmen die Freunde von ihr Abschied in Halle B in Ohlsdorf.

Noch Im April stand Tatjana Iwanow In dem Musical "Gopsy" als Mamma Rose auf den Brettern des Theaters in Münster. Das Publikum klatschte Beifall, als der "Mamma", der Mutter Courage einer Artistengruppe, die Tränen über die Wangen strömten. Jeder glaubte: Bühnentränen. Aber es waren Tränen eines fast unerträglichen Schmerzes. Tatjana Iwanow stand die Vorstellungen durch. Sie wollte sich nicht von der Krankheit unterkriegen lassen.

Noch einmal begegneten wir ihr beim Hamburger "Theater der Nationen" im Mal, als sie Professor Towstonogow, den Intendanten des Maxim-Gorkl-Theaters In Leningrad, dolmetschte. Dann wurde das Eppendorfer Krankenhaus Endstation für die bemerkenswerte Karrlere einer großartigen Frau.

In Berlin wurde sie als Kind russischer Eltern geboren, der Vater zaristischer Offizier, die Mutter Opernsängerin. In Berlin ging sie zur Schule. In Berlin entdeckte Heinz Hilpert, Intendant des berühmten Deutschen Theaters, die Siebzehnjährige. Die Perdita im "Wintermärchen" wurde ihre erste Rolle. Es folgten unzählige klassische Aufgaben bis zur Olivia, der Lady Macbeth, der Mascha in den "Drei Schwestern".

Erst ein Aufenthalt in Australien, wohin sie ihrem Jugendfreund und zweiten Mann, dem russischen Sprachen-Professor Boris Sorokin, folgte, brachte die Begegnung mit dem Musical, die Entdekkung ihrer großen, dunkel gefärbten Stimme. Doch sie zog

es zurück nach Europa. Zurück zu Hilpert, damals an sein Deutsches Theater in Göttingen. Wieder schien die Schauspielbühne zu siegen. Künstler von Rang waren ihre Partner: Martin Held, Bernhard Minetti, Heinz Reineke.

Und dann geschah 1967 in Düsseldorf so etwas wie die Explosion In ihrer Laufbahn. Als Heiratsvermittlerin In "Hello Dolly" erspielte, ersang Sie sich einen unwahrscheinlichen Erfolg, der wegbestimmend für ihre zweite Karriere wurde. Wir erinnern uns an die brillante, kurz darauf folgende Aufführung im Thalia Theater. Das Temperament der Iwanow riß damals Publikum und Kollegen mit. Sie hatte noch viele andere große Erfolge (u. a. "Das musikalische Himmelbett", "Marne", die Prudence in der ?Cameliendame

auf dem Büdschirm). Doch ihre Dolly und auch Ihre russischen Volkslieder, sie werden nicht so rasch in Vergessenheit geraten.

Tatjana Iwanow, die in dritter Ehe mit Gert Fröbe verheiratet war, heiratete 1975 den Hamburger Filmproduzenten Walter KoppeL Ihr Sohn Andreas aus der Verbindung mit dem tödlich verunglückten Schauspieler Wilfried Seyferth arbeitet als Regisseur. Ihr Sohn Alexei Sorokin ist Diplomingenieur. Tatjana Iwanow entströmte so etwas wie künstlerische Urgewalt. Eine Frau von Bedeutung.

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