Dammbruch: Familie vermißt

Vom Balkon stürzten sie in die Fluten

Nürnberg, 27. März Als gestern mittag gegen 13 Uhr Kinder auf der Polizeiwache im Nürnberger Stadtteil Katzwang erschienen und aufgeregt erzählten: "Wir haben am Kanal gespielt, plötzlich krachte und knackte es", glaubten die Beamten, mit den Kindern sei die Phantasie durchgegangen. Drei Stunden später standen sie vor der Wirklichkeit: Auf einer Länge von etwa 15 Meter war der zwölf Meter hohe Damm des 20 Meter breiten und vier Meter tiefen Rhein-Main-Donau-Kanals gebrochen.

Eine fast zwei Meter hohe Flutwelle wirbelte Autos, die am Fuß des Dammes geparkt waren, wie Streichholzschachteln durch die Luft. Hausmauern, die am Strom der Wassermassen lagen, wurden eingedrückt. Erst als gegen 19 Uhr der Kanal auf einer Länge von 400 Metern leergelaufen war und das Wasser langsam aus dem überfluteten Stadtteil ablief, zeigte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung.

Schon kurz nach dem Bruch des Dammes war in dem betroffenen Gebiet Katastrophenalarm ausgelöst worden. Obwohl zu dieser Zeit ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigen Regenfällen niederging, gelang es Hubschrauber-Besatzungen der Bundeswehr, zahlreiche Menschen, die sich auf die Dächer ihrer Häuser gerettet hatten, an Seilen aus dem Wasser zu ziehen. Einer der Retter, der bei einer Heeresfliegerstaffel in Roth bei Nürnberg stationiert ist, wurde schwer verletzt, als er eine schwangere Frau durch die Dachluke eines Hauses zog.

Der Sanitäter eines anderen Rettungshubschraubers berichtete: "Als wir über ein Haus flogen, sahen wir auf dem Balkon ein Ehepaar mit zwei Kindern stehen. Sie reckten uns die Hände entgegen. Aber wir hatten kein Seil, um sie hochzuziehen. Als wir gerade über ihnen flogen, gab es einen Knall, und der Balkon stürzte mit den Menschen in die Tiefe. Sie wurden von den Fluten fortgerissen. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist."

Rettungsmannschaften, die zu Fuß oder mit Fahrzeugen gekommen waren, mußten zunächst hilflos zusehen, wie die reißenden Fluten den Ortskern des 3000-Einwohner-Ortes Katzwang zerstörten. Sie fanden keinen Weg durch das reißende Wasser. Später berichteten Feuerwehrleute von einer Familie, die vor dem Hausaltar kniete und verzweifelt betete. Eine alte Frau mußte mit Gewalt aus einer Baracke geborgen werden. Sie wollte ihre unterspülte Behausung nicht verlassen. Unter den vielen Vermißten befindet sich auch eine Mutter mit zwei Kindern. Die Baracke, in der sie lebten, hatte keine Vorderund keine Rückwand mehr, bis unters Dach war sie mit Sand vollgespült.

Die Bergungsarbeiten wurden schon kurz nach Bekanntwerden des Unglücks von zahlreichen Schaulustigen behindert, die aus allen Richtungen herbeigeströmt waren. Sie stapften mit ihren Kindern durch knöcheltiefes Wasser, bis hin zu der Bruchstelle. Selbst die Warnungen, daß der nahe Querdamm, der weitere Millionen Kubikmeter Wasser zurückhielt, brechen könne, vermochte die sensationslüsternen Menschen nicht abzuhalten.

Am Abend wurde bekannt, daß die Polizei nicht nur von Kindern vorgewarnt wurde. Einer Spaziergängerin, die am Mittag ihren Hund auf dem Damm ausgeführt hatte, war ein merkwürdiges Gluckern aufgefallen. Ihr Mann hatte daraufhin die Polizei angerufen, die auch gekommen sei, aber nichts Besorgniserregendes festgestellt habe. Der Einsatzleiter der Polizei, Hans Meister, sagte dazu, es sei lediglich von einem Wasserrohrbruch die Rede gewesen.

Nach Bekanntwerden des Unglücks fuhr der bayerische Innenminister Gerold Tandler sofort nach Nürnberg. Schon heute morgen will er das Kabinett unterrichten, damit unverzüglich aber erforderliche Hilfsmaßnahmen, entschieden werden kann. Über die Ursache des Unglücks gibt es bisher nur Spekulationen. Experten halten es für möglich, daß eine undichte Stelle im Asphalt der Dammsohle oder Auswirkungen des strengen Frostes den Bruch ausgelöst haben.

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