Die Mädchen halten in der Spitze mit, aber bei den Jungen herrschen große Nachwuchssorgen

In Hamburg gibt es nur einen guten Turner

Von HANS REIP

Hamburg, 11. August

Nach den großartigen Erfolgen der Hamburger Turnerinnen beim Deutschen Turnfest in Hannover erhebt sich die Frage: Wo stehen eigentlich die Turner? Hamburg war auch einmal im Männerturnen eine Hochburg. Von hier aus bahnte sich in den 20er Jahren das Kunstturnen seinen Weg mit dem Drei- Städte-Kämpfen Berlin ? Hamburg- Leipzig. Daraus entstand die Deutschlandriege mit ihren ersten großen Erfolgen 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin.

Seitdem hat sich das kunstturnerische Leben in dieser Stadt bei den Männern Völlig verändert. Es gibt zur Zeit nur einen guten Kunstturner: Gerald Noering von der Hausbruch Neugrabener Turnerschaft. Der gerade 20 Jahre alt gewordene Vereinsturnlehrer absolviert seine Dienstzelt bei der Bundeswehr in Hannover. Dort hat er Gelegenheit, mit Bundestrainer Wolfgang Dreyer zu arbeiten. Übers Wochenende trainiert Noering dann in Hamburg bei Hans Kopicki (45).

Es reichte beim ersten Start In der Männerklasse anläßlich einer deutschen Meisterschaft in Hannover zum 24. Rang mit 102,7 Punkten im Olympischen Zwölfkampf mit Kur und Pflicht. Das ist für Hamburger Verhältnisse eine großartige Leistung, ließ er doch damit sechs Turner aus dem B-Kader hinter sich. Seine Hamburger Betreuer sind mit ihm zufrieden. "Er kann noch mehr", meint der Hamburger Verbandstrainer Hans Kopicki, "und er wird seinen Weg mit der Harburger Riege der HNT machen, die in der Regionalliga turnt und in der anlaufenden Saison in die 2. Bundesliga aufsteigen möchte."

Man kann das männliche Kunstturnen mit dem der Turnerinnen nicht vergleichen. Die Voraussetzungen sind zu unterschiedlich. Turnerinnen beginnen früh (ab 8 Jahren) und hören meistens mit 15 bis 16 Jahren wieder auf. Turner sind erst in diesem Alter mit den Arm-, Schulter- und Rumpfmuskeln voll belastbar. Mädchen stützen sich mehr auf Bein- und Gesäßmuskeln, und sie brauchen sich nur mit vier Geräten zu beschäftigen, Jungen mit sechs.

Den Jungen steht bei der Auswahl einer individuellen Sportart zudem die ganze Palette der Ballspiele, vor allem Fußball, zur Auswahl. "Das", so meint Kopicki, "muß berücksichtigt werden, ebenso die Militärdienstzeit. Außerdem sind Großstädte nicht besonders förderlich für das überaus schwierige Kunstturnen. Die Besten kommen aus kleinen Gemeinden mit weniger Ablenkung."

Im Hamburger Raum hatten sich die Vereine mehr und mehr vom Kunstturnen abgewandt. Erst nach und nach ist wieder ein vorbereitender E-Kader eingerichtet worden mit der HNT, HT 1816, Niendorfer TSV, ASV Bergedorf, VfL Pinneberg. Man hat eine ständige Übungsleiter-Ausbildung der Vereinstrainer begonnen, um die Basis zu erweitern.

Wenn mehr und schneller etwas erreicht werden soll, muß ein Trainerassistent hinzukommen, der voll eingesetzt werden kann. Kopicki muß neben dem Jungenturnen auch bei den Turnerinnen assistieren und erhebliche Verwaltungsarbeit leisten. Man wählte in Hamburg zunächst den leichteren Weg mit Mädchen. Doch zielt die Ergänzung ebensosehr auf Jungen, die im Turnen, einmal dabei, länger zur Verfügung stehen: In der Leistung bis zu 30 Jahren und darüber hinaus oft noch mit Folgeaufträgen in den Vereinen.

Die Motivation dazu muß in den Vereinen beginnen. "Kunstturner heranzuziehen, ist eine mühsame und langfristige, aber durchaus keine unmögliche Aufgabe", sagt Hans Kopicki.

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