Prozeß um Entführung von Gernot EgolfEigener Bericht

Die Polizei wurde zu spät informiert

Saarbrücken, 1. Dezember Ein Entführungsfall, dessen Brutalität die Öffentlichkeit erschütterte, findet ab morgen vor dem Schwurgericht in Saarbrücken sein gerichtliches Nachspiel. Es geht um das tragische Schicksal des 32jährigen technischen Angestellten Gernot Egolf aus Hombiurg. Die Anklage gegen den 21jährigen Waldfacharbeiter Joachim Müller aus Homburg-Erbach, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft am 19. Oktober 1976 gemeinsam mit dem Heizungsmonteur Andreas Leiner (22) das Verbrechen begangen hatte, lautet auf Mord und erpresserischen Menschenraub. Andreas Leiner hat am 1. März 1977 in der Saarbrücker Untersuchungshaftanstalt Selbstmord verübt. Mitangeklagt wegen Mitwisserschaft ist die 23jährige Ingrid Stengel aus Marburg (Lahn). Sie wurde von Joachim Müller über die Tat informiert, ließ aber erst am 5. Dezember 1976 die Polizei benachrichtigen.

Gernot Egolf, der mit den Besitzern der Karlsberg- Brauerei KG Weber in Homburg verwandt war, wurde von Müller und Leiner von seiner Arbeitsstelle gelockt und in einen gesprengten Westwallbunker in der Nähe von Birkenfeld gebracht. Er mußte sich in einem sechs mal fünf Meter großen, nur 1,50 Meter hohen Raum, der teilweise zwischen 50 und 70 Zentimeter unter Wasser stand, aufhalten. Sein linker Fuß wurde an eine 1,50 Meter lange Kuhkette gefesselt, die an der Wand befestigt war. Gernot Egolf wurde nach sieben Wochen, am 9. Dezember 1976, von Kriminalbeamten im Bunker tot aufgefunden. Er hatte 15 kg an Körpergewicht verloren. Vermutlich ist er an Unterkühlung gestorben.

Die beiden mutmaßlichen Entführer konnten am 9. Dezember in ihren Wohnungen in Homburg-Erbach festgenommen werden. Ingrid Stengel hatte die Polizei über einen Freund davon unterrichtet, daß ihr Bekannter Joachim Müller einer der Entfühjer gewesen sei. Die Täter waren sofort geständig. Sie bestritten jedoch, für den Tod ihres Opfers verantwortlich zu sein. Beide behaupteten, Gernot Egolf aus Angst vor Entdeckung nicht mehr aufgesucht zu haben, nachdem mehrere

Versuche gescheitert waren, die Familie Egolf um zwei Millionen Mark zu erpressen.

Die beiden ledigen Männer befanden sich seit Jähren in finanziellen Schwierigkeiten. Deshalb hatten sie seit Monaten eine Ent-

führung geplant. Ihre Wahl fiel schließlich auf Gernot Egolf, der Müller zwar unbekannt, Andreas Leiner dagegen flüchtig bekannt war. Am 19. Oktober lockten sie den 32jährigen unter dem Namen eines Bekannten von Egolf telefonisch zu einem Treffpunkt in die Homburger Stadtmitte. Im Personenwagen von Müller brachten sie ihn anschließend sofort in das vorbereitete Versteck.

In den folgenden Tagen nahmen die Entführer mehrfach telefonisch und schriftlich Kontakt zu den Eltern von Egolf auf. Schließlich wurde auch ein Ort vereinbart, an dem die geforderte Lösegeldsumme in Höhe von zwei Millionen Mark übergeben werden sollte. Die Täter ließen sich dann jedoch nicht sehen. Sie befürchteten, daß die Polizei eingeschaltet war.

Erst fünf Wochen nach der Entführung wurde die Öffentlichkeit über das Verbrechen informiert. Daraufhin gingen mehr als 400 Hinweise aus der Bevölkerung bei der Kriminalpolizei ein. Darunter befand sich auch die Information der mitangeklagten Ingrid Stengel. Erst dadurch konnte der Entführungsfall aufgeklärt werden.

Vor Gericht wird noch der Zeitpunkt des Todes von Egolf geklärt werden müssen. Vor allem die Eltern möchten wissen, ob eine frühere Unterrichtung der Öffentlichkeit das Leben ihres Sohnes hätte retten können. Der Prozeß ist auf vier Tage angesetzt worden.

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